25.07.2018 - 16:50 Uhr
SchwandorfSport

Das Schweigen der Fußball-Männer

Der Rücktritt von Mesut Özil und dessen Rassismus-Vorwürfe gegen die DFB-Spitze hallen immer noch nach. So laut, dass fast niemand mehr etwas dazu sagen möchte. Aus der Region trauen sich nur ein Trainer und ein Funktionär.

Bei einer Autogrammstunde des FC Arsenal in Singapur zeigt ein Fan ein Nationaltrikot von Mesut Özil (auf dem Podium, rechts). Zu seinem Rücktritt und seinen Vorwürfen sagte er nichts.
von Julian Trager Kontakt Profil

(jut/dpa) Das Thema scheint mittlerweile so heikel zu sein, dass fast niemand etwas dazu sagen möchte. Nicht Joachim Löw, nicht Oliver Bierhoff, nicht Reinhard Grindel, nicht Mesut Özil. Und auch in der Region schweigen viele der angefragten Funktionäre, Trainer und Spieler, wenn sie auf die Debatte angesprochen werden.
Einer der wenigen, die etwas sagen, ist Albert Kellner. Der Kreisspielleiter im Kreis Amberg/Weiden meint, dass beide Seiten - Özil und auch der DFB - Fehler gemacht haben. "Beide Seiten gehen da nicht unbeschadet raus." Aber, und das ist für Kellner auch klar: Ausgelöst hat die Krise Mesut Özil - durch das Bild mit Recep Tayyip Erdogan, dem umstrittenen türkischen Präsidenten. Und gleich nachdem das Foto von der Erdogan-Partei verbreitet wurde, hätten der DFB und Bundestrainer Joachim Löw einschreiten müssen. "Löw hat es versäumt, auf den Tisch zu hauen. Man hat es versäumt, Özil vor der WM auszusortieren." Das gelte auch für Ilkay Gündogan, der sich dann aber wenigstens bald geäußert hat. "Das fand ich gut", sagt Kellner.

Özils Verdienste sind fraglos

Özil dagegen ließ zwei Monate verstreichen, ehe er sich erklärte. Das Statement fand der Kreisspielleiter weniger gut. "Es geht überhaupt nicht, dass er sich jetzt aufregt, dass er nicht integriert ist." Der Ex-Nationalspieler müsse sich an die eigene Nase fassen. Und trotzdem: Manche hätten mit ihrer Kritik an Özil übertrieben, Uli Hoeneß zum Beispiel. "Dass Özil Verdienste für den deutschen Fußball geleistet hat, ist keine Frage", sagt Kellner.
Die Vorwürfe des Arsenal-Profis gegen die DFB-Führung seien für ihn falsch. Rassismus beim DFB? "Nie und nimmer", findet Kellner. Deswegen müsse DFB-Präsident Reinhard Grindel auch nicht zurücktreten. Kellner habe ihn im Mai beim Verbandstag kurz kennengelernt: "Er versucht es jedem Recht zu machen, er will vermitteln."
Der Integrationsarbeit des Fußballs habe die Debatte um Özil nicht geschadet, glaubt Kellner. "Wenn ich mich in meinem Kreis umschaue, sehe ich viele Leute, die helfen, viele Menschen mit Migrationshintergrund, die mitspielen und durch den Fußball eingebunden werden." Sehr viele Vereine würden tagtäglich Integration vorleben, und das sei gut so. "Wenn jemand sagt, ohne die Migranten geht's auch, hat der einen Schuss."

Haußner: Thema wird überbewertet

Dominik Haußner, Trainer der DJK Ammerthal, sieht die Fehler ebenfalls auf beiden Seiten. Er findet aber auch, dass das Thema viel zu präsent war und ist. "Özil ist nur ein Fußballer von vielen." Die Thematik werde überbewertet. Trotzdem meint Haußner, dass der ehemalige Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft übers Ziel hinausgeschossen ist, zweimal: "Einmal mit dem Foto, und auch jetzt mit dem Statement", das er am Sonntag über Twitter in die Welt setzte. Der Bayernligatrainer sieht noch ein ganz anderes Problem: „Die ganzen Ich-AGs bei den Fußballern haben einen riesigen Beraterkreis und trotzdem werden manche nicht gut beraten.“ Haußner spielt damit auf die nebulöse, aber wohl bedeutende Rolle von Özil-Berater Erkut Sögüt an.
Thomas Graml, BFV-Bezirksvorsitzender der Oberpfalz wollte sich nicht äußern. Er sagte: "Ich beschäftige mich momentan nicht mit Problemen der deutschen Nationalmannschaft, Özil oder Rücktrittsforderungen beim DFB. Mein Augenmerk liegt auf dem Fußball in der Oberpfalz."

Beim DFB herrscht Ruhe

Vom Führungspersonal des Deutschen Fußball-Bundes kommt gar nichts. Bundestrainer Joachim Löw, Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel haben sich drei Tage nach dem Rundumschlag des Weltmeisters von 2014 noch immer nicht persönlich zu Wort gemeldet.
Seit der am Montag vorsichtig formulierten Mitteilung ohne jedes Zitat herrscht Ruhe. Will der Verband die Krise aussitzen? Herrscht Ratlosigkeit? Auch Özil sagt derzeit nur Belanglosigkeiten, lehnte im Trainingscamp des FC Arsenal in Singapur jede Stellungnahme zu seinem Abtritt gegenüber Journalisten ab. Auch ansonsten ist Fußball-Deutschland still, Gesprächspartner sind Mangelware. Das ZDF bemühte sich für eine mögliche Sondersendung um Studiogäste, doch sprechen möchte niemand.

Özils Bruder: Mesut geht es gut

Der Bruder des 92-maligen Nationalspielers, Mutlu Özil, erklärte derweil, die Entscheidung zum Rücktritt aus dem DFB-Team sei Özil nicht leicht gefallen. "Wir haben diese Entscheidung zusammen getroffen. Er hat über das Thema sehr viel nachgedacht", sagte Mutlu Özil der türkischen Nachrichtenagentur DHA am Mittwoch. Mesut Özil gehe es aber gut, er konzentriere sich nun auf seinen Verein FC Arsenal. Die Schuld für den unglücklichen Abgang liege jedoch nicht bei seinem Bruder. Sondern beim DFB.
Doch auch gegen Özil selbst wird die Kritik lauter. In seiner inszenierten Erklärung ließ es der 29-Jährige an Selbstkritik mangeln, obwohl er selbst über zwei Monate zu den Fotos mit Erdogan und den Konsequenzen geschwiegen hatte. Özil hätte "viel früher reagieren müssen", sagte der frühere Freiburger Profi Ali Günes. "Je länger Mesuts Schweigen anhielt, desto stärker wurde der öffentliche Druck auf und die Verärgerung über ihn. Erst so ist diese negative Stimmung entstanden."

Albert Kellner Kreisspielleiter im Kreis Amberg/Weiden meint, beide Seiten haben Fehler gemacht.

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