03.05.2017 - 20:10 Uhr
StörnsteinOberpfalz

Bezirk und Arbeitsagenturen wollen psychisch Kranke besser in den Arbeitsmarkt zurückholen Krise ohne Katastrophe

Wöllershof. Wenn bald die aktuellen Arbeitslosenzahlen für die Oberpfalz veröffentlicht werden, scheint das irdische Paradies gleich hinter der nächsten Zoiglstube zu liegen. Knapp drei Prozent bedeuten Vollbeschäftigung. Doch davon profitieren nicht alle.

Viel Papier, viele Unterschriften, viel Erfolg. So stellen sich Vertreter mehrerer Oberpfälzer Arbeitsagenturen ihre Kooperation mit dem Bezirk und seinen Kliniken vor. Ihr Ziel: Psychisch Kranke gefestigt in den Arbeitsmarkt zurückbringen oder darin halten. Die Vereinbarung nannte Bezirkstagspräsident Franz Löffler (Zweiter von rechts) "bundesweit einmalig". Bild: gsb
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Hinter den Kulissen eines robusten Arbeitsmarkts tut sich der eine oder andere Abgrund auf. So wurden nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums 2014 bei zehn Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Oberpfalz Depressionen diagnostiziert.

Das legt den Schluss nahe, dass Arbeitslose noch stärker leiden und deswegen schwerer in einer Anstellung Fuß fassen. Um das zu ändern, unterzeichneten Vertreter aus vier Oberpfälzer Arbeitsagenturen und Jobcentern, Bezirkstagspräsident Franz Löffler und die Verantwortlichen der Bezirkskliniken im Kuppelsaal des Klinikums Wöllershof einen Vertrag. Er ist laut Löffler "bundesweit einmalig". Darum geht es:

Eine Arbeitsgruppe soll sich regelmäßig treffen.

Patienten sollen auf Wunsch schon in der Klinik vom Jobcenter beraten werden, um Weichen für Beschäftigung nach der Entlassung aus dem stationären Aufenthalt zu stellen.

Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung bekommen Fortbildungen zum Umgang mit psychisch Kranken.

Infoveranstaltungen der Arbeitsverwaltung für Klinikmitarbeiter, um die Arbeitsweise in Agenturen und Jobcenter besser kennenzulernen.

Abgesehen vom humanistischen Auftrag, schwermütige oder süchtige Menschen wieder zu integrieren, hat die Kooperation auch eine volkswirtschaftliche Komponente. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels sollten keine Ressourcen vergeudet werden.

Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, ist froh, dass sich die Leistungsgesellschaft inzwischen offen eingesteht, dass sie psychisch Kranke produziert. Beispiel Burn-out: "Nur wer mal gebrannt hat, kann ausbrennen." Das habe in der heutigen Zeit nichts Anrüchiges mehr. In seiner Arbeit hat er es mit Patienten zu tun, die unter ständiger Erreichbarkeit, aber auch Unterforderung, Druck durch Vorgesetzte oder Kunden sowie dem Zwang zu immer mehr Flexibilität leiden. Das alles sei nicht hoffnungslos, zitierte Wittmann Max Frisch: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

Diesen Blick nach vorn teilen die Vertragspartner. Joachim Ossmann, Chef der Arbeitsagentur Schwandorf, brachte den Ansatz auf einen Nenner: "Reparatur ist teurer als Prävention." Dass dabei nicht von Einzelfällen die Rede ist, belegte seine Amberger Kollegin Sonja Schleicher mit Zahlen. In der mittleren und nördlichen Oberpfalz leben 9913 Bedarfsgemeinschaften, meist Familien. Dahinter verbergen sich 17 206 Menschen. Davon sind 12 665 erwerbsfähig, aber hilfsbedürftig. Das heißt, sie können mindestens drei Stunden pro Tag arbeiten, aber davon nicht den Lebensunterhalt bestreiten.

Löfflers Wunsch stieß daher bei allen Beteiligten auf Zustimmung: Psychisch Kranke sollen raus aus der Werkstätte und rein in den ersten Arbeitsmarkt.

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