24.04.2018 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Akkordeon-Festival im Capitol Adrenalin und Seelenbalsam

Servais Haanen denkt es sich aus, Kultopf knüpft die Kontakte und Thilo Hierstetter stellt sein Capitol zur Verfügung. So kommt es, dass die Akkordeonale 2018 wieder in Sulzbach-Rosenberg gastiert, mit einem Instrument im Mittelpunkt, das angeblich sogar mehr Glückshormone freisetzt als Schokolade.

Künstler aus verschiedenen Ländern gestalten die Akkordeonale, ihre gemeinsame Sprache ist die Musik.
von Helga KammProfil

Vor zehn Jahren hat der Niederländer Servais Haanen das internationale Akkordeon-Festival ins Leben gerufen, eine Veranstaltung, die jungen Musikern Auftritte in vielen deutschen Städten ermöglicht. Wie im Vorjahr lud Georg Leugner vom Kultopf die Truppe im Zuge ihrer Tournee in die Herzogstadt ein. Das Capitol bot die ideale Bühne, viele Besucher aus Stadt und Land erlebten ein wahres Festival der Klänge.

"Das Akkordeon", behauptet Organisator Servais Haanen, "setzt mehr Glückshormone frei als Schokolade". Jedenfalls können er und seine sechs Mitspieler mit der kleinen "Wunderkiste" gleichermaßen Adrenalin und Seelenbalsam erzeugen. Das Instrument ist mehr als nur eine "Quetschn", es behauptet seinen Platz in der Musik der ganzen Welt. Begleitet und ergänzt wird es an diesem Abend von Gitarre, Bass und einer schönen Stimme. Diese kommt von der Ägypterin Youssra El Hawary, die ihre Lieder mit dem Akkordeon untermalt. Sozialkritisch und politisch nennt Moderator Haanen ihre Texte, gesungen in fremd und weich klingendem ägyptischen Arabisch.

Wahre Hexenmeister

Die zweite Frau auf der Bühne ist die Italienerin Veronica Perego mit ihrem Kontrabass. Sie sorgt mit ihrem Instrument für den "fetten Klang", ist eine gern gesehene Musikerin auf Jazz-Festivals und hat eine wichtige Rolle im Akkordeon-Ensemble. Rafael Fraga aus Portugal ist Komponist und Arrangeur, spielt Gitarre und Fado-Gitarre, unter anderem in seinem "Rafael-Fraga-Quartett". Der Grieche Dimos Vougioukas und der Brasilianer Joao Pedro Teixeira sind wahre Hexenmeister am Akkordeon, der Argentinier Omar Massa kann auf dem Bandoneon nicht nur Tango, sondern auch Bach. Servais Haanens Instrument ist das diatonische Akkordeon, er komponiert und arrangiert die Ensemble-Stücke und nennt sich einen "musikalischen Querdenker".

Die sieben Musiker spielen im lebendigen Wechsel von Soli, Gruppen- und Ensemblestücken. Verbindende Texte spricht Servais Haagen, würzt sie mit trockenem Humor, stellt Musiker und Hintergrund vor. Die einen sind studiert mit klassischer Ausbildung, die anderen haben ihr Instrument schon als Kind innerhalb ihrer Kultur erlernt. Die gemeinsame Sprache aller ist die Musik. Der Grieche Dimos Vouglioukas hat seine Reisen durch Rumänien, Bulgarien und Moldawien in Musik umgesetzt, beschreibt mit tanzenden Fingern auf den Tasten Landschaften des Balkan, Menschen, ihre Lieder und Tänze. Omar Massa aus Argentinien, der Magier auf dem Bandoneon, ist weltweit unterwegs, vor allem mit der Musik Astor Piazollas. "Dessen Familie hat ihm als einzigem erlaubt, Piazollas Bandoneon zu spielen", weiß Haanen zu erzählen.

Fuge von Bach

Massa begeistert mit einem besonderen Glanzstück die Klassik-Freunde: Auf seinem Bandoneon spielt er Präludium und Fuge von Bach. Rafael Fraga, der Gitarrist aus Portugal, verbindet Fado mit Bossanova und glänzt als Sänger. Mit einer außergewöhnlichen Technik des Akkordeonspielens beeindruckt der Brasilianer Joao Pedro Teixeira. Atemberaubend ist seine Hommage an die Gauchos.

Im Capitol ist der Jubel groß für die Darbietungen. Die Truppe ist seit Anfang April auf Tournee, gastiert bis zum 9. Mai noch jeden Abend in einer anderen Stadt. Trotzdem sind Engagement und Spielfreude ungebrochen. Sie ernten stehenden Beifall und schlagen Zugaben nicht aus. "Nach zehn Jahren des Sträubens aus Ehrfurcht vor dem Komponisten wagen wir es heute", gesteht Servais Haanen. Sie spielen zusammen Piazollas "Libertango" - genussvoller Abschluss eines besonderen Abends.

Nicht immer von Erfolg gekrönt

Sie sind zufrieden und auch wieder nicht. Georg Leugner, Thilo Hierstetter und die anderen vom Kultopf bemühen sich redlich um ein vielfältiges Kultur-Angebot in der Herzogstadt. Nicht immer ist ihr Bemühen von Erfolg gekrönt. Sind es zu viele Veranstaltungen oder liegt es am mangelnden Interesse der Einwohnerschaft? "Die Auswärtigen beneiden uns um unser Programm, wir brauchen aber auch die Sulzbach-Rosenberger, um auf unsere Kosten zu kommen", sagt Hierstetter. Freuen würden sich die gesamten kreativen und rastlosen Kultopf-Kämpfer, wenn bei den kommenden Veranstaltungen das Haus nicht nur voll, sondern proppenvoll wäre. (hka)

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