28.04.2017 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Außergewöhnliche Lesung im Literaturhaus Wortstrudel und Klang-Kaskaden

Mit ihrer musikalisierten Leseversion brachten Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila (rechts) und Jazz-Musiker Patrick Dunst (links) neue Töne ins Literaturhaus Oberpfalz. Bild: aks
von Anke SchäferProfil

Sulzbach-Rosenberg. Ekstatische Wortstrudel, durchpulsierende Rhythmen, jazzige Klangkaskaden auf der Bühne, vor Staunen aufgerissene Augen und Ohren im Publikum: Bei allem, was das altehrwürdige Literatuhaus Oberpfalz schon erlebt hat, eine Lesung wie die gemischte Performance mit Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila und Musiker Patrick Dunst ist den Oberpfälzer Literaturfans sicher noch nicht oft untergekommen.

Rahmen gesprengt

Auf genau diesen Effekt hat Veranstalter und Buchhändler Ralf Volkert spekuliert. Fiston Mwanza Mujilas Romandebüt "Tram 83" stand eben nicht nur auf die Longlist des "The Man Booker International Prize 2016", sondern machte vor allem mit dem entsprechenden Live-Performance-Video Furore. "Das will ich sehen", nahm sich Volkert vor, "egal, ob Besucher dabei sind oder ich alleine bin".

Angesichts der Menge an Zuhörern, die sich ins Literaturhaus quetscht, kann von Alleinsein keine Rede sein. Und alle bekommen etwas geboten, was jeden vergleichsweise konventionellen Rahmen für derartige Buchpräsentationen förmlich sprengt.

Der Roman lebt von seiner Sprachrhythmik sowie dem beständigen Wechsel zwischen Erzählstrophen und redundanten Wortrefrains. Mwanza Mujila exerziert das mit dem ersten Satz des Romans vor und schraubt sich dabei auf dem exakt getakteten Boden der Musik von Patrick Dunst in eine rauschgetränkte Ekstase, die man in der eher scheuen, zurückhaltenden Person des Schriftstellers nicht vermutet hätte.

So wie Dunst zwischen seinen musikalischen Spielgeräten wechselt, so springt Mwanza Mujila zwischen dem französischen Original und der deutschen Übersetzung von Katharina Meyer und Lena Müller hin und her. Der Schriftsteller und der Musiker verlassen schließlich die Bühne - nur um ihre Performance mit einem Fortissimo-Finale zu krönen.

Bei anschließenden Gespräch mit Veranstalter Volkert ist die Lautstärke wieder auf normal gedimmt. Fiston Mwanza Mujila überrascht vielmehr mit seinem sanften Duktus, in dem er die katastrophale, aber nicht hoffnungslose Lage seines Heimatlandes Kongo schildert.

Durch das von ihm weit aufgestoßene Fenster erhascht das Publikum Blicke auf ausgebeutete Minenarbeiter, eine korrupte Regierung, gefährliche Rebellen und ein Land ohne kollektive Erinnerung und Infrastruktur. So gesehen sei Kongo für ihn kein Land, darüber schreiben wollte er aber trotzdem unbedingt. Gelungen sei dies nur mit einer Portion Fiktion und Poesie.

Spezielle Energie

Dem Chaos, Verbrechen und Elend begegnen seine Landsleute mit unbändiger Lebensgier und Fatalismus und so ist auch "Tram 83" mit seinen Hauptakteuren, dem Schriftsteller Lucien und dem Ganoven Requiem, ein Roman voller Humor. Die ebenfalls eine zentrale Rolle spielenden Minen sieht der Autor als "beste Metapher für das Leben: Jeder sucht etwas, du musst Glück haben und Hoffnung".

Im Übrigen hält es Fiston Mwanza Mujila mit der Kernüberzeugung seiner Ethnie, derzufolge das Zentrum der Welt das Dorf des Großvaters ist. Er trage den Kongo immer genauso in sich wie seine Familie, das verleihe ihm die spezielle Energie, die seine Lesungen einzigartig macht. "Und so laut,", ergänzt Patrick Dunst, "weil es ja so viele Leute sind".

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