Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn im Seidel-Saal
Immer alles raushauen

Auch die "singende Säge" weiß Otto Göttler sicher zu bändigen.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
04.04.2017
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Ein absoluter Kracher beim "Festival moderner Volxmusik" im Seidel-Saal: Der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn mit (von links) Wolfgang Neumann, Petra Amasreiter und Altmeister Otto Göttler. Bilder: Royer (2)

Die neueste Jodlerforschung vermutet, dass die Ursprünge dieser Laute auf Schmerzensschreie zurückgehen. Das jedenfalls gab der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn (BDJW) seinem Publikum am Freitag gleich anfangs mit auf den Weg. Doch schließlich sollte im Seidel-Saal nicht die Pein regieren, sondern anarchische Volksmusik.

Von Andreas Royer

So normal sich die drei dem Publikum im ersten Gegenübertreten auch präsentieren, es bleibt nicht lange verborgen, dass sich Petra Amasreiter, Otto Göttler und Wolfgang Neumann so wie bei jedem Auftritt fest geplant haben, einen ganzen Abend lang kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Das hätte ihnen der ausverkaufte Seidel-Saal auch nicht verziehen. Und so legten sie bei der Veranstaltung der Kulturwerkstatt und ihrer aktuellen Nummernfolge "Der Name ist Programm" mit einer Wucht und Vielseitigkeit los, dass die Zuhörer Mühe hatten, anfangs gleich Schritt zu halten.

Das gab sich dann aber rasch, da man wusste, dass der BDJW auf der Bühne stand - und das bedeutet immer auch, dass viele Finger in viele Wunden gelegt werden. Ob Plastikmüll unter Einbeziehung des Publikums, ein Blues gegen die Politik Donald Trumps oder ein Seitenhieb in Richtung Erdogan ("Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen") - und immer wieder eingestreuter Lokalkolorit von Otto Göttler, der ja bekanntlich - das betont er mehrfach am Abend - aus dem Münchner Stadtteil Giesing stammt.

Von Rap bis Klassik


Perfekt in der Handhabe eines fast unüberschaubaren Instrumentariums, darunter Diatonische, Ukulele, Mandoline, Trompete, Tuba, singende Säge, Geige, Blockflöte, E-Bass, Gitarre, Schlagwerk und Tin Whistle, garnieren sie jedes gesellschaftspolitische Themenfeld mit der entsprechenden musikalischen Klangvielfalt. Die Bandbreite des BDJW reicht dabei von der Gstanzl-Tradition, über altbekannte Volksmusikstücke, bis hin zu Rock, Rap und Blues oder auch klassischen Elementen.

Dass sich die 1986 ins Leben gerufene Formation 2002 auflöste, eine zwölfjährige Schaffenspause einlegte und als Ersatz für Monika Drasch sowie Josef Brustmann die beiden Musiker Petra Amasreiter und Wolfgang Neumann mit an Bord nahm, scheint keine Blessuren hinterlassen zu haben - die Pointen sitzen nach wie vor, und an Einsatzfreude mangelt es auch nicht - dafür sorgen schon die vielfältigen Themen und Ereignisse, die der BDJW immer gerne zu hörbaren Leckerbissen verwurstet.

Handy-Wahn und Abhörpraxis ("Auf der Mauer, auf der Lauer ..."), Disco-Sterben und Atommeiler-Ruinen als Weltkulturerbe, oder die Sennerin Nandl, die dem Preußen auf der Alm die vorher beim Aldi gekaufte H-Milch im 0,2-Liter-Glas für 6,20 Euro unterjubelt - alles und jeder hat seinen Platz im großen Repertoire des hintersinnig, spitzfindig und Spiegel vorhaltend agierenden Musiker-Triumvirats . Doch es kann auch die ganz melancholische Route einschlagen, etwa wenn Otto Göttler über die Situation der Obdachlosen und über das alte Giesing singt oder Wolfgang Neumann auf der irischen Tin Whistle das Publikum von der grünen Insel träumen lässt.

Publikum eingebunden


Andererseits bleibt den Besuchern im Seidel-Saal für ruhigere Minuten eher wenig Zeit, denn der BDJW verweilt nicht gerne statisch. Er bläst immer gleich wieder zu einer musikkabarettistischen Attacke, oder war es eine ungarische Polka, ein göttlicher Göttler-Rap oder gar der Klimawandel-Jodler, der zum Ende nicht fehlen durfte? Drei Vollblutmusiker, die immer alles raushauen, ihr Publikum mit einbinden und ohne ihrem anarchischem Schlag viel von ihrem Wahnsinn verlieren würden.
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