Christian Schloyer bringt seine Gedichte in Computerspiel-Format
Lyrik passt zur schnelllebigen Zeit

Christian Schloyer, geboren 1976 in Erlangen, ist Lyriker, Sound-Writer, Klang- und Konzept-Künstler, Prosa-Autor und freier Werbetexter. Im Literaturhaus präsentiert er seine Lyrik-Video-Sound-Performance. Bild: Privat
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
27.02.2018
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Gedichte und Computerspiele - zwei Welten prallen aufeinander. Christian Schloyer reißt diese Mauer im Kopf ein und schlägt mit dem Gedichtband "Jump 'n' Run" eine spannende Brücke zwischen den scheinbar konträren Polen.

Acht Spielwelten, 64 Levels, eine Spielfigur für "Player One", Start-Icons, Leitern, Pfeile und dazwischen Schloyers Lyrik - aufgeteilt in variabel erspielbare Textblöcke. Und weil der Dichter auch Klangkünstler ist, fehlt natürlich auch der passende, per QR-Code abzuspielende Sound nicht. Am Donnerstag, 1. März (19.30 Uhr), stellt er sein multimediales Projekt im Literaturhaus vor. Die Kulturredaktion hatte dazu einige Fragen:

Fans von Computerspielen sind nicht unbedingt das klassische Lyrik-Publikum. Geht Ihre Strategie mit "Jump 'n' Run" trotzdem auf?

Christian Schloyer: Mich interessieren Strategien, die darauf zielen, bloß Publikum zu gewinnen, als Lyriker am allerwenigsten. Publikumswirksamkeit ist in der Kunst selten ein Qualitätsfaktor oder Innovationsindikator - viel häufiger ist das Gegenteil der Fall. Was mich aber interessiert und weshalb ich sagen würde, ja, die Strategie ging auf: Mit diesem spielerischen Ansatz habe ich einen Weg gefunden, einen formal noch recht unverbrauchten Impuls in die aktuelle Gegenwartslyrik einzubringen. Neue Ausdrucks- und Verwandlungsmöglichkeiten.

Mir ging es so, dass ich das beim Machen als berauschend und beglückend empfand. Vielleicht kann das die eine oder der andere im Publikum nachvollziehen. Und wenn es Menschen nachvollziehen können, die bisher relativ wenig mit Lyrik am Hut hatten: umso schöner!

Was hat Sie auf die Idee zu diesem außergewöhnlichen Projekt gebracht?

Die Jahre zuvor habe ich an einem Kinderbuchprojekt gearbeitet, dass in Inhalt und Umfang überbordend war (und daher Schwierigkeiten hat, bei potenziellen Verlagen Begeisterung auszulösen). Darin hatte ich komplexe Entscheidungsstrukturen eingewoben, welche den Verlauf der Geschichte davon abhängig machen, wie sich die jungen Leser entscheiden: Lande ich auf dem Mars - oder doch lieber auf einem Jupitermond? Diese Idee wollte ich für meine Lyrik nutzbar machen - was aber erst funktioniert hat, als ich mich an die alten "2D-Side-Scrolling-Games" aus meiner C64er-Jugend erinnert und damit experimentiert habe.

Die Konstruktion aus Computerspiel-Optik, -sound und kunstvollen Wortbildern wirkt sehr aufwendig - wie lange haben Sie daran getüftelt?

Der Sound ist kein getüftelter und hat - abgesehen von einem kurzen Einstieg - überhaupt nichts mit Computerspielen zu tun. Das sind spontan und im Moment improvisierte elektroakustische Klang- und Geräuschlandschaften, die bei mir innere Bildwelten erzeugen. Das hat mir beim "Dichten" geholfen. Für die Grafik (und das Text-Arrangement) habe ich als Nicht-Grafik-Künstler relativ lange gebraucht, das war ungefähr die Hälfte der etwa 1000 Arbeitsstunden, die dieser Band verschlungen hat.

Beim Spielen geht es nicht nur um Taktik, sondern auch um Geschwindigkeit. Gedichte dagegen erfordern eher Ruhe und Zeit - welche Herangehensweise empfehlen Sie Ihren Lesern?

Jede, die nicht auf direktes Verstehen ausgerichtet ist - sondern auf Erleben. Und dafür kann ein schnelles, ungeduldig voranblätterndes Lesen genauso gut funktionieren wie ein spielerisches Durchprobieren aller möglichen Denk- und Lesewege. Insgesamt erfordern Gedichte sicherlich nicht mehr Ruhe beim Lesen als Romane. Sie sind schnell gelesen - und werfen beim wiederholten Durchgang, wenn sie gut sind, noch deutlich mehr Früchte ab, als dies bei Prosa der Fall ist. Lyrik kann man (besonders gut) benebelt oder beim Einschlafen noch mit Gewinn "verarbeiten", Lyrik macht eigentlich immer etwas mit einem, solange man sie nicht liest wie Prosa oder Zeitungsartikel. Eigentlich passt Lyrik gut zu einer schnelllebigen Zeit.

Sie lassen den Lesern viele Freiheiten beim Zusammensetzen Ihrer Werke, fühlen sich manche auch vom Spielmodus abgelenkt oder schlichtweg überfordert?

Ja, ich denke, das unterstützt die für Lyrik geeignete, mäandernde Leseweise. Es untergräbt das vorschnelle Sinnsuchen. Insofern lenkt die Überforderung im "Spielmodus" davon ab, sich allzu sehr im unergiebigen "Sinn-Entschlüsselungs-Modus" zu verlieren.

Wenn Sie mal nicht dichten, was spielen Sie am liebsten am PC?

Früher habe ich sehr gerne Computerspiele gespielt, teils auch recht exzessiv. Vor allem Rollen- und Strategiespiele, Simulationen und Welten-Bau-Spiele. Inzwischen ist mir die Zeit dafür oft zu schade, da ich Spiel- und Gedankenwelten lieber von Grund auf erschaffe als sie eher nur zu konsumieren - das befriedigt (und befreit) mich einfach mehr. Wenn ich heute zocke, dann normalerweise gemeinsam mit meinem "großen" Sohn. Unser gemeinsamer Langzeit-Favorit ist das kooperative und sehr humorige Spiel "Portal 2".

Sie waren ja bereits im Literaturhaus Oberpfalz zu Gast, was schätzen Sie am Oberpfälzer Publikum besonders?

Da habe ich zu wenig vergleichende Vorlese-Erfahrung, um zu sagen, welches Oberpfälzer Spezifikum an hiesigem Publikum besonders schätzenswert ist. Ich freue mich über jede Person, die Lust hat, mir zuzuhören. Und ich schätze das Literaturhaus und -archiv, weil es sehr viele unterschiedliche und spannende Projekte anbietet, die weit über eine "regionale Nabelschau" hinausreichen, gleichzeitig aber auch im Sinne der Literaturförderung funktionieren. So etwas haben wir in Nürnberg leider nicht in dieser gelungenen Form - zumindest nicht als Institution eines öffentlichen Literaturhauses.

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Karten und Informationen unter Telefon 09661/8159590 oder E-Mail an info@literaturarchiv.de. Der Gedichtband "Jump 'n' Run" ist im Verlag "poetenladen" erschienen.
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