24.09.2012 - 00:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Comic-Künstler Reinhard Kleist zeichnet den Leidensweg des Hertzko Haft in seiner neuen Graphic ... Jüdischer Boxer überlebt den Nazi-Terror

von Rudolf BarroisProfil

Von seinen SS-Bewachern wurde der polnische Jude Hertzko Haft im Konzentrationslager zum Faustkampf gezwungen. Daraus hat er seine Überlebensstrategie entwickelt. Sein Leidensweg führte ihn im Frühjahr 1945 auch in das Konzentrationslager Flossenbürg. Der Comic-Zeichner und -Autor Reinhard Kleist hat die unglaubliche aber wahre Geschichte dieses Mannes zum Thema einer Graphic Novel gemacht. Jetzt stellte der Autor das Buch vor. Dr. Jörg Skribeleit, Leiter der Gedenkstätte in Flossenbürg, moderierte den Abend im voll besetzten Lesesaal des Literaturarchivs in Sulzbach-Rosenberg.

Kleist war sich, als er die Lebensbeschreibung von Herztko Haft, verfasst von dessen Sohn Alan, in die Hand bekam, darüber klar, dass er sich hier an seinen bisher schwierigsten Stoff wagen würde. Kleist hat bereits die Lebensbeschreibung von Fidel Castro und Johnny Cash als Comic vorgelegt und damit Aufsehen erregt. Sein expressiv harter Schwarz-Weiß-Zeichenstil trifft genau die Dimensionen, denen sich Häftlinge vor allem in Auschwitz-Birkenau ausgesetzt sahen. Abstrahierungen verschärfen mit wild zerfetzten Schwarzflächen die schrecklichsten Momente in den Erinnerungen Hafts.

60 Jahre geschwiegen

Haft hat seinem Sohn Alan erst 60 Jahre nach seinen Erlebnissen im deutschen Holocaust davon erzählt. Der fasste das Gehörte in einem Roman zusammen, der dann Informationsquelle und Grundlage für Reinhard Kleist wurde.

Die Geschichte beginnt mit der Kindheit und Jugend Hertzko Hafts in dem polnischen Dorf Belchatov. Der Bub gerät, wie viele andere Juden, in ein Ghetto, wird dann über zwei kleinere Lager nach Birkenau transportiert. Hier nimmt sich ein SS-Offizier, dessen Namen man nicht kennt, und der im Buch Schneider genannt wird, des Häftlings an. Er zwingt ihn zu Schaukämpfen gegen Mithäftlinge, die die SS mit Vorliebe am Wochenende veranstaltet. Ein Evakuierungsmarsch führt ihn in das Lager Groß Rosen und schließlich auch nach Flossenbürg. Hertzkos Erinnerungen bezüglich der Zustände dort decken sich weitgehend mit den Berichten anderer Häftlinge. Jörg Skribeleit gab aus seiner Erfahrung mit Zeugen dieser Zeit zu bedenken, dass die Berichte manchmal eine subjektive Wahrheit beinhalten, die nicht den wieder aufgefundenen Akten entspreche. Im Fall Hertzko Haft belegt eine Häftlingsliste immerhin sein Eintreffen im Lager.
Das schwierige Thema und seine möglicherweise problematische Verarbeitung im Medium Comic fanden beim Publikum in Sulzbach-Rosenberg lebhaftes Interesse. Die Leute wollten wissen, wie Kleist seine Quellen verwertete, wie er das Erarbeitete dann umsetzte. Der Autor hat es sich nicht leicht gemacht, war sich wohl auch bewusst, dass die Erinnerung eines Mannes nach sechzig Jahren und ihre Beschreibung durch einen Dritten kaum nachzurecherchieren sind. Es gehe, so meinte Jörg Skribeleit ergänzend, letztlich nicht um Details, sondern eben um das Gesamterleben des Betroffenen

Brutalität verschleiern

Hertzko Haft war nicht der einzige Boxer, der von den Nationalsozialisten in den Lagern zu Schaukämpfen missbraucht wurden. Sport - auch Fußball - wurde wie die Kunst häufig dazu benutzt, die andere brutale Wirklichkeit in den Lagern zu verschleiern. Hertzko Haft ist einer der wenigen, die das überlebten.

Die Verbindung von Comic und Literatur, die im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg derzeit Leitthema ist, dokumentiert sich in diesem außergewöhnlichen ersten Fall als ernsthafter und glaubwürdiger Versuch, erlebte Geschichte durch expressive Darstellung im Fokus eines Einzelschicksals zu zeichnen.

Die Graphic Novel "Der Boxer" entstand nach dem Buch "Eines Tages werde ich alles erzählen" von Alan Scott Haft. Sie ist erschienen im Carlsen Verlag Hamburg (ISBN 978-3-551-78697-5 , Euro 16,90).

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