06.05.2018 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg beleuchtet die Ära Beat und Kalter Krieg Deutsch-amerikanische Literaturbeziehungen

Ein Besuch aus Amerika kann sehenswerte Folgen haben: Gregor Baszak, früher Sulzbach-Rosenberg, jetzt University of Illinois at Chicago, stöberte im Literaturarchiv nach Querverbindungen zwischen Walter Höllerer und der amerikanischen Literaturszene.

Zum Herz der Ausstellung gehört die Lyrik-Anthologie von Walter Höllerer und Gregory Corso mit zugehöriger Single.
von Anke SchäferProfil

Das zutage geförderte Material fand Michael Peter Hehl wiederum spannend genug, um damit eine ganze Ausstellung unter dem Titel "Beat und Kalter Krieg" zu gestalten. Im ersten Moment bringt man den stets formell gekleideten, fest mit der Gruppe 47 verbundenen Walter Höllerer eher nicht mit der Beat-Generation der Jahre 1958 bis 1968 in Verbindung. Ein Irrtum, wie Kurator Hehl bei der Eröffnung aufklärte: Die Sulzbach-Rosenberger Literatur-Ikone stand mit einigen Beat-Größen wie Gregory Corso oder Allen Ginsberg nicht nur in rein beruflichem Kontakt.

Lyrik auf Schallplatten

Mit seinem Freund Corso erarbeitete Höllerer beispielsweise die zweisprachige Anthologie "Junge amerikanische Lyrik" und ließ dazu auch die vorgetragenen Texte auf Single pressen. Eine dieser Platten schmückt stumm die Ausstellung. Für den bewegten Eindruck sorgen zahlreiche Video-Installationen.

Dem Vernissage-Publikum enthielt Hehl solche lebendigen Eindrücke auch nicht vor. Ein Corso-Filmtrailer oder eine eindringlich visualisierte Fassung des Kult-Poems "Howl" von Allen Ginsberg lieferten plastische Eindrücke einer vergangenen, thematisch aber unverändert aktuellen Epoche. Der zum Mitlesen ausgeteilte Textvergleich zeigte allerdings, dass man deftige Original-Passagen damals im Deutschen noch mit Samthandschuhen anfasste. Nicht ohne Grund, immerhin wurde "Howl and other poems" 1957 in den USA wegen Obszönität beschlagnahmt, der Verleger Lawrence Ferlinghetti angeklagt.

Ost-West-Dialog in Berlin

Dessen Karriere war damit allerdings nicht beendet, wie der nächste Filmausschnitt bewies. Um Höllerers wegweisende Arbeit mit dem von ihm begründeten Literarischen Colloquium Berlin zu unterstreichen, zeigte Hehl den Mitschnitt eines West-Ost-Dialogs mit eben Lawrence Ferlinghetti, diesmal als Dichter, und seinem sowjetischen Künstlerkollegen Andrej Wosnessenski.

Höllerer vermittelte moderierend zwischen den Gästen aus San Francisco und Moskau, Übersetzer sollten dem Berliner Publikum inhaltlich auf die Sprünge helfen. Ferlinghetti ließ seinem nicht minder extrovertierten Übersetzer den Vortritt, Wosnessenski dagegen sperrte sich gegen das Prozedere - die Musik und Dramatik seiner Worte sollten ausschließlich in Originalsprache wirken.

Poetry-Slam-Wurzeln

Das taten sie dann auch und demonstrierten zugleich, warum Beat-Lesungen, im Gegensatz zu deutscher Lyrik der Zeit, zwecks Wirkung weit über das gelesene Wort hinaus unbedingt auch auf Platte aufgenommen werden mussten - die heutige Poetry-Slam-Bewegung hat hier zumindest in Sachen Performance ihre Wurzeln. Auf das zum Kern der Ausstellung zählende, ellenlange Gedicht "Bomb" von Gregory Corso ging Hehl selbstverständlich ebenso ein wie auf die wichtige Türöffner-Funktion, die Höllerer für deutsche Autoren wie Uwe Johnson und Ingeborg Bachmann in Richtung Amerika hatte.

Literarisch hat sich damals zwischen Ost und West offenkundig mehr bewegt und entwickelt, als es die starren Vorstellungen vom Kalten Krieg vermuten lassen. Die mit eigenem Material sowie Büchern und Postern aus Horst Spandlers Sammlung bestückte Ausstellung liefert dazu authentische Eindrücke.

Service

"Beat und Kalter Krieg. Deutsch-amerikanische Literaturbeziehungen 1958-1968" ist bis 30. September jeweils Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr (außer Feiertagen), an Sonntagen (außer Pfingstsonntag) von 14 bis 17 Uhr im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg zu sehen.

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Weitere Informationen:

www.literaturarchiv.de

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