30.10.2012 - 00:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Der in Deutschland geborene Autor Chaim Noll liest im Literaturarchiv aus seinem Erzählband ... Der ganz normale, irre Alltag rund um das Pulverfass

von Rudolf BarroisProfil

Wie lebt man in einem Land, das seit 1948 zum Pfahl im Fleisch einer ganzen Region geworden ist? Chaim Noll, geboren in Deutschland, die jüdische Familie verfolgt von den Nazis und von den Kommunisten, ist 1995 dorthin ausgewandert. Er kam in einen Staat, der sich nicht nur nach außen verteidigen musste, sondern der wie kaum ein anderes Land pluralistische Strukturen aufweist. In seinem neuen Erzählband "Kolja, Geschichten aus Israel" (Verbrecher-Verlag) versucht Noll, den Alltag rund um das weltpolitische und regionale Pulverfass zu beschreiben.

Doch vor allem erzählt er einem kleinen Publikum im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, was die Menschen wirklich umtreibt in einem Staatsgebiet, das eine rasante Bevölkerungsexplosion erlebt. Mieten und Immobilienpreise erreichen schwindelerregende Höhen. Und das in einem Gebiet, in dem sich Menschen aus nicht weniger als 145 Nationen miteinander arrangieren müssen.

Skurrile Erzählungen

Da ist Geduld gefragt, Fantasie und vor allem Humor und Mutterwitz, den Chaim Noll in seinem 37 Geschichten im neuen Erzählband in mitreißender und schöner Sprache zu Wort kommen lässt. Und da ist vor allem ein unglaublicher Bürokratismus, der immer dann aufblüht, wenn die Verhältnisse eigentlich nicht mehr zu organisieren sind. Es ist wohl ein Stück aus seinem eigenen Leben.
Da ist auch die Geschichte mit der Grenze. An diesem Zaun ist erst einmal alles zu Ende. Doch die Menschen zwischen Jordan und Mittelmeer haben gelernt, auch die kleinsten Schlupflöcher zu nutzen, unter Ausnutzung eben jener Bürokratie, die sich auch im Sicherheitsbereich manchmal nur selbst im Weg ist.

Auf Kishons Spuren

Chaim Noll schreibt seit den frühen 80er Jahren. Es sind Geschichten aus dem DDR-Alltag, aus seinen Erfahrungen nach der Übersiedlung nach Westberlin. In der "Berliner Charade" beispielsweise zeichnet er ein doppeltes Porträt der geteilten Stadt. Drei Jahre bevor er seine Heimat verlässt, formuliert er 1992 noch seinen "Nachtgedanken" über Deutschland - Heinrich Heine lässt grüßen.

Mit seinem neuen Erzählband setzt sich Noll irgendwie auch auf die Spur seines Landsmannes Ephraim Kishon, der beispielsweise mit seinem "Blaumilchkanal" israelischen Alltag glossiert hat. Noll versucht nicht mehr und weniger, als die Lücken literarisch auszufüllen, die die Nachrichtenagenturen offenlassen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.