Fassbinders Frühwerk Tropfen auf heiße Steine als szenische Lesung im Capitol in ...
Menschliche Abgründe auf dem Seziertisch

Director of the 1978 film Despair. (Photo by ?? John Springer Collection/CORBIS/Corbis via Getty Images) (Foto: GettyImages)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
06.04.2018
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"Sich in Abgründen zu suhlen kann sehr anstrengend sein." Zitat: Michael Ritz

Liebe und Leidenschaft sind ein Spiel mit hohem Einsatz. Kaum jemand wusste und verarbeitete das besser als der große Filmemacher und Autor Rainer Werner Fassbinder.

Den Beweis liefert schon sein Frühwerk "Tropfen auf heiße Steine", das Regisseur und Produzent Michael Ritz als szenische Lesung auf die Bühne des Capitol in Sulzbach-Rosenberg bringt. Lisa Schulz, Sophia Ritz, Timm Gruber und Michael Ritz schlüpfen dabei in die Rollen der vier Protagonisten der "Komödie mit pseudotragischem Ende". Für Michael Ritz, der die Produktion in Zusammenarbeit mit KultOpf und KultCafe auf die Beine gestellt hat, geht damit auch ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Die Kulturredaktion hat sich mit ihm unterhalten:

Wie sind Sie auf Rainer Werner Fassbinders Frühwerk "Tropfen auf heiße Steine" gestoßen?

Michael Ritz: Autorenfilmer der 70er, 80er Jahre wie Werner Herzog, Herbert Achterbusch und Rainer Werner Fassbinder haben die Atmosphäre der damaligen Zeit in Deutschland sehr genau eingefangen und jeder auf seine Weise künstlerisch übersetzt. Dabei sind auch viele punktgenaue Theaterstücke entstanden. Ich habe damals in den 80ern in Erlangen Theaterwissenschaft studiert. Es war eine Blütezeit des Theaters, die es so leider nicht mehr gibt. Die "Hamletmaschine" von Heiner Müller war so ein Stück das alle Regienovizen einmal "machen" wollten, für mich war es damals schon "Tropfen auf heiße Steine" von Fassbinder.

Was fasziniert Sie an einem Stück, das ein 19-Jähriger verfasst, aber zeit seines kurzen Lebens nie auf die Bühne gebracht hat?

Das Stück blickt wie auf dem Seziertisch in menschliche Abgründe. Das Erschreckende daran ist, jeder trägt sie in sich, jeder hat seine Gründe und Abgründe. Der junge Fassbinder hat sie in dem Stück erschreckend klar beschrieben und bereits hier tauchen die Grundkonstellationen seiner späteren Filme auf. Im Theater können wir mit den menschlichen Passionen spielen, im wirklichen Leben können sie verheerende Auswirkungen haben. Theater, also auch als eine Form von Therapie oder besser gesagt als Reinigung, ganz im Sinn der klassischen Tragödie.

Was damals als unerhörte Provokation erschienen sein muss, hat heute seinen sozialen Sprengstoff eingebüßt oder doch nicht?

Im Gegenteil, nichts hat sich verändert. Es ist sogar schlimmer geworden. Benutzen, Ausnutzen, Fordern, Überfordern sind Schlagworte in aller Munde. Das Schlimme daran ist, es gehören immer zwei dazu, einer der den anderen für seine Zwecke benutzt und der andere der sich benutzen lässt.

Die vermeintliche Zunahme der psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist ein eindeutiges Indiz hierfür: ein sadomasochistisches gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis ganz im Sinne Fassbinders, ganz im Sinne der Tragödienschreiber. Im Theater erlebt der Zuschauer für eine kurze Zeit ein Aufatmen, ein Kitzeln, ein Vergnügen im Betrachten des Tragischen, eine Auszeit aus dem Gemetzel des Alltags. Und nach dem Tod des Helden ist die alte Ordnung wieder hergestellt.

Halten Sie sich bei Ihrer Produktion exakt an Fassbinders Vorgabe oder nehmen Sie dramaturgische Änderungen oder Anpassungen vor?

Wir spielen das Stück pur, ohne Striche, ohne Veränderungen.

Wie viel Zeit hat die Probenarbeit für die szenische Lesung in Anspruch genommen?

Mehr als wir zu Beginn dachten. Der Teufel steckt doch immer im Detail. Die jeweiligen Gefühlsschwankungen und Umbrüche klar heraus zu spielen, da mussten wir schon sehr tief einsteigen, das war sehr erschöpfend. Sich in Abgründen zu suhlen kann sehr anstrengend sein, macht aber auch Spaß.

Sind weitere Aufführungen geplant?

Bisher nicht, aber falls Anfragen kommen, gerne.

Wenn Sie Werbung für Ihren Fassbinder-Abend machen müssten, was würden Sie sagen?

Gönnen Sie sich einen Abend mit einem Stück des berühmtesten deutschen Filmemachers, der wie kein anderer die Seelenbefindlichkeit und Seelenempfindlichkeit auf den Punkt gebracht hat. Wir laden ein zu einem spannenden Spiel zwischen Leid und Lust.

"Tropen auf heiße Steine", kommt am Samstag, 14. April (20 Uhr), als szenische Lesung auf die Bühne des Capitol in Sulzbach-Rosenberg.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter % 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0, www.nt-ticket.de sowie Abendkasse.

Sich in Abgründen zu suhlen kann sehr anstrengend sein.Michael Ritz
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