Historiker Karl Kirch spricht bei Volkshochschule über bewegte Novembertage 1918
Kurt Eisner und die Fake News

Mit Falschmeldungen machten interessierte Kreise im turbulenten November 1918 Stimmung: Die Zuhörer erkannten in Karl Kirchs Vortrag Parallelen zur Gegenwart. Bild: müb
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
09.03.2018
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Das Ende des Ersten Weltkrieges, das Ende der Wittelsbacher Monarchie, die Geburt des Freistaates Bayern und die 100 Tage Regierungszeit seines ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner beleuchtete der Historiker Karl Kirch in einem Vortrag, zu dem die Volkshochschule des Landkreises Amberg-Sulzbach eingeladen hatte.

Gleichsam mit einem Vergrößerungsglas zoomte der Historiker Kirch die Ereignisse des November 1918 heran. War es ein hoffnungsvoller geordneter Start der Demokratie oder war er chaotisch? Die Frage, wie der Umsturz heute wahrgenommen wird, kann nach Ansicht des Referenten nur mit "ambivalent" beantwortet werden. Es wirke fast, als schäme man sich der damaligen Ereignisse.

Im Herbst 1918 kam die Front näher. Kriegsmüdigkeit, Streiks in Munitionsfabriken und schließlich das Waffenstillstandsangebot der Reichsregierung vom 4. Oktober riefen eine sozialdemokratische Opposition auf den Plan. Die starke MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands) unter Erhard Auer wollte jedoch keinen Umsturz, sondern Kontinuität: eine parlamentarische Demokratie, die sich vielleicht auch mit der Monarchie arrangiert.

Am Nachmittag des 7. November versammeln sich zwischen 50 000 und 100 000 Menschen - je nach Quellenangabe - auf der Theresienwiese in München zu einer Friedensdemonstration, dessen Ende bekannt ist: Kurt Eisner, Vorsitzender der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) spürt die Energie des Tages und marschiert mit seinen Anhängern von Kaserne zu Kaserne, wo sich viele Soldaten zur "Revolution" anschließen. Der Tag endet mit der Wahl Eisners zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates und der Proklamation des Freistaates Bayern durch Eisner.

Als am 8. November rote Fahnen von der Frauenkirche in München wehen, schlägt Eisner seinem Rivalen Auer eine Koalitionsregierung vor. Auer wird Innenminister, Eisner Ministerpräsident. Dem Künstler, Visionär, Menschenfreund und Preußen Eisner war indes als Kabinettschef kein Glück beschieden. Die Landtagswahl am 12. Januar 1919 wird für ihn zum Debakel: Seine USPD holt nur 2,5 Prozent. Falschmeldungen in der Presse führten zu einem Stimmungswechsel in der Bevölkerung - Fake-News sind keine Erfindung der Gegenwart.

Was war geschehen? Eisner hatte gefordert, dass der deutsche Staat zu seiner Verantwortung am Kriegsausbruch 1914 stehen solle und beim Wiederaufbau helfen solle. Eine moralisch nachvollziehbare Forderung, die aber bei vielen Zeitgenossen nicht gut ankam. Minuten vor seiner Rücktrittserklärung wurde er am 21. Februar 1919 von den Schüssen des jungen Adligen Graf Arco auf Valley tödlich getroffen.

Nach dem lebendigen Vortrag nahm das Publikum das Angebot von Karl Kirch gern an, Fragen zu Eisner und seiner Zeit zu beantworten. VHS-Leiter Manfred Lehner schloss den Hinweis auf die heutige Versöhnungsarbeit des Freistaates und des Landkreises Amberg-Sulzbach an. Die Volkshochschule unternimmt vom 28. bis 31. Mai eine Studienfahrt zu Orten deutsch-französischer Geschichte, Gegenwart und Zukunft, für die noch Plätze frei sind.
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