08.04.2018 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

In Das Wintermärchen lässt Ralf Höller Schriftsteller Geschichte erzählen. Zu hören am 13. ... Im Schleudergang von der Monarchie zu Freistaat und Räterepublik

Im November feiert der Freistaat Bayern seinen 100. Geburtstag. Der Historiker und Autor Ralf Höller gratuliert mit einer packenden Reportage zu den turbulenten Ereignissen um die Bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik aus nächster Sicht und Nähe berühmter Schriftsteller.

In "Das Wintermärchen" lässt Ralf Höller Schriftsteller Geschichte erzählen. Zu erleben am 13. April in der Buchhandlung Volkert. Bild: privat
von Anke SchäferProfil

Am Freitag, den 13. April, stellt er "Das Wintermärchen" um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Volkert in Sulzbach-Rosenberg vor.

Oskar Maria Graf, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Ernst Toller, Kurt Landauer, Lion Feuchtwanger, Ricarda Huch - sie alle waren mehr oder weniger direkt involvierte Zeitzeugen des Umsturzes, der Kurt Eisner zum ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern machte, sowie der wechselvollen Verwerfungen nach Eisners Ermordung. Ihr unmittelbarer Blick auf das Geschehen ist die Zauberformel, die aus trockener Historie spannende Geschichte macht. Der Kulturredaktion hat Ralf Höller noch mehr verraten.

Herr Höller, "Das Wintermärchen" ist bereits Ihr zweites Buch, das sich mit den dramatischen Ereignissen der Bayerischen Revolution 1918/1919 auseinandersetzt. Was fasziniert Sie gerade an diesem historischen Kapitel?

Ralf Höller: Für mich ist es der konsequenteste und radikalste Versuch einer Revolution in Deutschland. 175 Tage hat sie gedauert. Der Umsturz ist völlig gewaltfrei verlaufen, wie auch der weitere Verlauf bis zu Eisners Ermordung. Auch das Experiment, neben der parlamentarischen Form der Demokratie die Räte in den politischen Entscheidungsprozess einzuflechten, hat mir imponiert.

Mit Kurt Eisner übernahm am 8. November 1918 ein Schriftsteller als erster Bayerischer Ministerpräsident politische Verantwortung. Verglichen damit: Ist die aktuelle Literaturszene politisch genug oder könnte sie sich in den momentan ebenfalls wieder turbulenten Zeiten mehr engagieren?

Ich verwahre mich immer dagegen, Eisner als Schriftsteller zu sehen. Im Buch versuche ich auch immer, sauber zu trennen. Für mich ist Eisner in erster Linie Politiker gewesen, er war ja auch lange Zeit Redakteur des "Vorwärts". Aber es gab andere Schriftsteller - vor allem Mühsam, Toller und Landauer -, die sich in der Revolution engagierten. Landauer und Toller übernahmen kurzzeitig sogar Regierungsfunktionen.

Von den aktuellen Schriftstellern erwarte ich ebenfalls politisches Engagement, wenn auch nicht in Parteien oder gar als Amtsträger. Da ist es mir lieber, sie übernehmen eine Rolle als Mahner, und hierin können sie nicht radikal genug sein. Um ein Beispiel zu geben: Gunter Grass fand ich viel überzeugender als Einforderer von mehr Rechten für Sinti und Roma denn als Wahlkämpfer für Willy Brandt.

Für Ihr Buch haben Sie berühmte Literaten-Zeitzeugen wie Oskar Maria Graf, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke oder Lion Feuchtwanger als Erzähler gewählt. Wie viel vom Schriftsteller Ralf Höller steckt in der Auswahl und Zusammenstellung der Zitate zu dieser Erzähl-Collage?

Am liebsten hätte ich die Geschichte ohne eigenes Zutun erzählen lassen und ausschließlich collagiert, wie Kapfer/Reichert es 1988 gemacht haben, allerdings nur bezüglich des kurzen Zeitraums der Räterepublik. Doch sind die Abläufe - nehmen wir nur die Frage "Rätesystem contra Parlamentarismus" - viel zu komplex, um sie uneingeführt und unkommentiert stehen zu lassen. Wann immer möglich, habe ich die Perspektive der beteiligten oder kommentierenden Schriftsteller eingenommen, doch hatten selbst Oskar Maria Graf, Thomas Mann, Josef Hofmiller oder Lion Feuchtwanger zwischenzeitlich den Überblick verloren.

Die komplexen historischen Fakten, die sich im Winter 1918/19 in München regelrecht überschlagen haben, können auf den ersten Blick ziemlich verwirrend wirken. Haben Sie Tipps für den Durchblick geschichtlich nicht ganz so sattelfester Leser?

Vielleicht hätte dem Buch eine Zeitleiste gutgetan? Einige Erleichterungen habe ich ja eingebaut: eine Einführung der Personen, verbunden mit dem warnenden Hinweis, dass es reichlich turbulent zugeht und immer wieder neue Akteure in wichtige Rollen schlüpfen, einen Index, auch eine Nachlese, was aus den Beteiligten nach der Niederschlagung der Revolution geworden ist.

Volker Weidermann vom "Literarischen Quartett" hat beinahe zeitgleich ebenfalls ein Buch zur Bayerischen Revolution veröffentlicht - wie sehr nervt es, dass manche Rezensenten beide Werke direkt gegenüberstellen?

Fragen Sie doch mal Herrn Weidermann! Ich schneide bei den Vergleichen immer ganz gut ab. Weidermanns Verdienst ist zweifellos, auch bislang völlig unbeleckte Leser für das Thema zu interessieren. Gäbe es Weidermanns Buch nicht, würde meines weniger Aufmerksamkeit bekommen, da bin ich mir sicher. Schade finde ich, dass beide Bücher zu oft in einen Topf geworfen werden. Weidermann dramatisiert, spitzt zu, wertet mehr, interpretiert mehr hinein als ich. Es gibt Leser, die eine solche Herangehensweise eher anspricht als meine sachlichere und nüchternere.

Ich fand die Ereignisse schon aufregend genug, da bedarf es keiner weiteren Dramatisierung. Bei mir übernahmen auch nicht die Dichter die Macht, denn so einflussreich waren sie nicht. Ich sehe Toller, Landauer und Mühsam auch nicht als Träumer oder Hippies. Sie haben sehr ernsthaft Politik betrieben, übrigens schon lange vor der Revolution. Mühsam war seit Jahren in München engagiert, Landauer hatte seinen Aufruf zum Sozialismus bereits 1911 veröffentlicht, und haben, recht gut vorbereitet, versucht, eine Chance, die sich ihnen plötzlich bot, beim Schopf zu packen.

Wo und wie werden Sie eigentlich den 100. Geburtstag des Freistaates Bayern, den Kurt Eisner einst ausgerufen hat, begehen?

Ich warte noch auf eine Einladung der bayerischen Landesregierung für den Staatsakt für Kurt Eisner am 8. November.

Tickets und Reservierungen bei der Buchhandlung Volkert, Tel. 09661/812 373, oder im Internet unter www.buchhandlung-volkert.de. Das Buch "Das Wintermärchen" ist bei "Edition Tiamat" erschienen und kostet 20 Euro.

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