27.09.2017 - 16:20 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ingo Schulze stellt "Peter Holtz" im Literaturhaus Oberpfalz vor Neuer Schelm für literarische Welt

Schelme bevölkern die Weltliteratur - von Simplicius Simplicissimus über Candide bis zum braven Soldaten Schwejk. Schriftsteller Ingo Schulze hat viele dieser Picaro-Romane verschlungen, bevor er selbst seinen "Peter Holtz" zum Leben erweckte.

Ein im Literaturhaus gerne begrüßter "Stammkunde" ist der Schriftsteller Ingo Schulze. Dort stellte er seinen aktuellen Roman "Peter Holtz" vor. Bild: Schäfer
von Anke SchäferProfil

Scheuen muss der neue ostdeutsche Schelm den Vergleich nicht, denn ebenso wie die Literaturkritik zeigt sich auch das Publikum im Literaturhaus Oberpfalz sehr angetan vom fast noch druckfrischen Zuwachs. Der Umstand, dass Ingo Schulze kurz vor der öffentlichen Geburt des Peter Holtz geheiratet hat, passt gut als launige Eröffnung der Lesung durch Moderator Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin. Darüber hinaus bedarf es eigentlich keiner großen Worte, um den "Stammkunden" des Hauses einzuführen.

Thomas Geiger bohrt dennoch ein wenig tiefer in der Vergangenheit, die den studierten Altphilologen vom Dramaturgenposten beim Altenburger Theater an die Spitze einer neuen Zeitung und von dort aus bis nach St. Petersburg spülte, wo Schulze ein Anzeigenblatt auf den Weg brachte.

Auf der schwarzen Liste

Zufälle, die bekannten Umbrüche in der deutsch-deutschen Geschichte und das Angebot eines "dubiosen Herrn", das Schulze nicht ablehnen konnte, weil es die einzige Möglichkeit war, "rauszukommen", so der einnehmende und durchaus selbst schelmisch veranlagte Schriftsteller dazu. Der Begriff "Wende" steht für ihn übrigens auf der schwarzen Liste - zu viel Egon Krenz.

Eine weitere Kostprobe Schulze-Humor gibt es beim Geplänkel, warum er sich bis zu Peter Holtz sieben Jahre literarische Pause gegönnt habe. Auf diese Frage sei er vorbereitet und zwar mit mehreren Varianten: "1. Ich bin faul und uninspiriert. 2. Ich veröffentliche nur Meisterwerke.". Die dritte Möglichkeit schien aber doch die plausibelste: "Man kann nicht immer das schreiben, was man möchte".

Als es aber lief mit Peter Holtz und seinem glücklichen Leben, gab es kein Halten mehr. 571 Roman-Seiten, aufgeteilt in zehn Bücher sprechen nicht für eine Ideen- oder Schreibblockade. Im Literaturhaus Oberpfalz stellt Schulze den Anfang seiner 24 Jahre umspannenden Geschichte vor und springt weiter zu Peters reichlich skurriler Expedition in den gerade geöffneten Westteil Berlins.

Einige Bücher später lernt der durch Immobilieneigentum zu Millionen gekommene Held von seiner erfolgreichen Banker-Adoptivmutter die finanztechnische Gangart im Kapitalismus. Zum eigentlich eingeplanten Schluss des Romans kommt Ingo Schulze nicht mehr - der eingestreute Austausch mit Moderator und Publikum entwickelt sich zu spannend, um dauernd den Finger auf der Uhr zu halten.

Geld als zentrales Thema

Vieles dreht sich dabei um das zentrale Roman-Thema Geld. Das habe in der DDR längst nicht eine so alles bestimmende und alles motivierende Rolle gespielt, auch wenn natürlich jeder gerne mehr gehabt hätte. Erst als er 1990 als Zeitungsgründer zwangsläufig unternehmerisch tätig war, sei plötzlich alles in Geld ausdrückbar gewesen.

Naheliegender Weise streift das Gespräch zudem das Verhältnis des Schriftstellers zu den beunruhigenden politischen Entwicklungen gerade auch in seiner Geburtsstadt Dresden. Besonnen und nachdenklich plädiert Ingo Schulze für den Dialog mit Pegida und AfD - so schwierig und unangenehm das im Einzelfall auch sein mag.

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