Irrsinnig besinnlicher Abend mit Theater „Die Bretter“
Feiert ihr noch oder lebt ihr schon?

Einen großen Erfolg feierte das Theaterkollektiv "Die Bretter" mit seinem Weihnachtsstück im Seidel-Saal. Bild: hfz
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
24.12.2016
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Zerstört wirkte nicht nur "Familie" Ott nebst Weihnachtsbaum, Coach und Engel am Ende dieses theatralisch-musikalischen Abends, auch auf der Bühne im Seidel-Saal sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa: Neben Geschenkpapier und "lauter unnützem Krempel, der Lärm macht" - so der Sohn über seine Geschenke - zierte ein Haufen goldenen Weihnachtsflitters die Bühne.

Kalauer-Feuerwerk

Doch schon in den eineinhalb Stunden vorher zündete das seit 2013 existierende Theaterkollektiv "Die Bretter" ein Feuerwerk der Kalauer, bedienten lustvoll Klischees und servierte dennoch subtil Konsumkritik. Doch zurück zum Anfang dieses besinnungslos-besinnlichen Abends, den ein mies gelaunter, seiner Misere als Totholz entfliehen wollender Weihnachtsbaum (Bernd Gerlang) sowie ein auf die Erde strafversetzter Verwaltungsengel (Ludwig Räss) gestalten. Letzterer soll mit seiner "Dienst nach Vorschrift"-Mentalität die chaotische Familie Ott "erleuchten" - oder ihr doch wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung einbläuen. Logisch, dass das mit einem permanent motzenden Baum kaum gelingen mag, Sacklzement!

Nicht einmal dessen irdische Konkurrenz Amanda Hope (Gerda Krusche) von der "Simplify X-Mas-Coaching Academy" gelingt es dauerhaft, dem leicht vergeistigten Vater (Uli Lommer), der resolut-hemdsärmelige Mutter (Chrissi Baumann), dem hyperaktiv-nervigen Sohn (Veit Stephan) sowie der zwischen Apathie und Tourette-Syndrom changierender Tochter (Cynthia Bätz) zu "Symmetrie und Ordnung" zu verhelfen.

Und so entspinnen sich überraschende Wendungen, nicht immer nach Diktat der Logik, doch äußerst unterhaltsam: Beim traditionellen Sauernen-Essen am (un)Heiligen Abend entwickeln sich etwa zwischen dem misanthropen Baum und der dominanten Coachin ungeahnte Gefühle. Ein Highlight ist auch die choreographisch beeindruckend gestaltete Verwandlung des dauerfluchenden Engels in eine Gans, die sich der drohenden Verspeisung durch Familie Ott nur durch erneute Beförderung gen Himmel entzieht.

Kongenial begleitet wurde das Theaterkollektiv, das ohne Regisseur auskommt, von der All-Star-Combo "Tschässkwartett", die ebenso eigenwillig ihren Namen interpretiert: Von Dixie über Wiener Kaffeehausmusik bis Boarische reichte die Bandbreite der alterfahrenen Musiker (Uli Lommer, Kony Sommer, Georg Leugner, Klaus Hauenstein).

Erfrischend schräg

Bei Stücken wie "Hamann", "Der Iwan" oder "Wem heit net schlecht is" mit Klarinette, Klampfe, Quetsche, Bassgitarre und Gesang war nicht viel Weihnachtliches dabei - gerade deswegen war das Publikum mitgerissen. Ein schauspielerisch wie musikalisch erfrischend schräger, die Bauchmuskeln beanspruchender Abend, der zeigte, wie man Weihnachten eher nicht begehen möge.
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