Jonas Lüscher stellt Erfolgsdebüt im Literaturhaus Oberpfalz vor
Literatur schlägt Philosophie

Auch die altehrwürdige Gruppe 47 hätte an Jonas Lüschers Auftritt im Literaturhaus Oberpfalz Freude gehabt.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
19.05.2017
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Jonas Lüscher bei der Lesung seines Romans "Kraft" im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg. Bild: Schäfer

In der Philosophie ist kein Platz für Einzelschicksale. Weil Jonas Lüscher aber die kleinen Rädchen genauso interessieren wie das große Ganze, "floh" er in die Literatur. Eine Strategie, die die Bücherwelt in Euphorie versetzt hat und auch im Literaturhaus Oberpfalz ihre Wirkung nicht verfehlt.

Schon mit seiner Erstlings-Novelle "Frühling der Barbaren" hatte sich Jonas Lüscher einen großen Namen gemacht, den er nun mit seinem ersten, in der Herzogstadt präsentierten Roman "Kraft" unterstreicht. Wo auch immer Literaturpreise zu vergeben sind, taucht der gebürtige Schweizer im heißen Kreis der Kandidaten auf. Wie es aber überhaupt zu dieser erfolgreichen Wende in der Biografie des Schriftstellers kam, fächerte Moderator Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin im launigen Gespräch mit seinem Gast auf.

Private Einblicke


Bereitwillig gab Jonas Lüscher dabei Auskunft, warum weder Lehrer-Beruf, noch Abstecher ins Filmgewerbe und auch nicht das Philosophie-Studium die gesuchte Erfüllung brachten. Dennoch verdankt der Roman seine Strahlkraft gerade auch der intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie, die den Schriftsteller 2013 an die Stanford University geführt hatte.

Das unmittelbare Erleben der technologiegläubigen Berufsoptimisten des Silicon Valley, die ihr Unternehmertum selbst im Scheitern feiern, formte die Ausgangsidee zur Geschichte des im "alten Europa" verwurzelten, vom neuen Geld nach Amerika gelockten Rhetorikprofessors Richard Kraft. Die beiden vorgelesenen Kapiteln erschlossen dem Publikum im Literaturhaus aber nicht nur zentrale Einblicke in das familiär verkorkste Leben des Helden, sondern offenbarten zugleich Lüschers nüchterne, exakte Beobachtungsgabe, seine unverschnörkelte Sprachmelodie und seine treffsicher eingesetzte Ironie.

Neben der Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage, die Kraft mit der Aussicht auf eine Million Dollar aus seinem Tübinger Scherbenhaufen nach Amerika treibt, ging Moderator Geiger auch der Grundfrage nach, was Kraft trotz beruflichen Renommees, Frau und Kindern zum Glück eigentlich fehlt.

"Vieles, glaube ich", antwortete Lüscher. Vor allem Krafts schwierige Beziehung zu Frauen, die er letztlich nur zur narzisstischen Selbstspiegelung nutzt, seien mitschuldig am Unglück der Hauptfigur. Dazu addiert sich die alles durchziehende Verunsicherung unserer Zeit. Weil man sich heutzutage nicht mehr so leicht wie früher politisch verorten könne, suche man nach neuen Wegen. Es bleibe dabei jedoch das schale Grundgefühl, dass nur gekippt werde, was eigentlich neu gebaut werden müsste, so Lüscher.

Recherche beim Schreiben


Geiger interessierte sich zudem für die Herangehensweise des Schriftstellers, der zu jung ist, um die von ihm so genau beschriebenen politischen Meilensteine wie Reagans Präsidentschaft oder die Lambsdorff-Ära bewusst miterlebt zu haben.

Dank YouTube stelle das gar kein Problem dar, bekennt Lüscher, der seine Recherchen erst direkt beim Schreiben betreibt. Auf die beim Publikum gut ankommende Ironie im Buch angesprochen, bekennt er, nicht immer ganz vor dem Überziehen gefeit zu sein. Manche Stellen gefielen ihm heute nicht mehr - "die lese ich auch nicht mehr vor".
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