21.03.2018 - 17:30 Uhr
Sulzbach-Rosenberg

Leonhard F. Seidl kehrt mit seinem politischen Kriminalroman "Fronten" zu den Anfängen zurück Kein Raum für geistige Brandstifter

Vor vier Jahren nahm im Literaturhaus Oberpfalz ein Buch seinen Anfang, das mittlerweile für viel Aufmerksamkeit sorgt. Nach einem Lesungs-Marathon kehrt Schriftsteller Leonhard F. Seidl an den Ausgangspunkt zurück und präsentiert bei der Internationalen Wochen gegen Rassismus im Literaturhaus seinen außergewöhnlichen Kriminalroman "Fronten".

Leonhard F. Seidl (rechts) bat Friedrich Brandl als Dialektsprecher auf die Bühne, um mit ihm zusammen ein Gespräch aus seinem Roman "Fronten" vorzulesen.
von Anke SchäferProfil

Ohne Gemeinsamkeiten

Gastgeberin Patricia Preuß erinnert sich noch gut an die Zeit, als der Gast noch Stipendiat der Bayerischen Akademie des Schreibens war und an den ersten Ansätzen des Romans feilte. Die erwiesen sich wiederum als so interessant, dass die Hamburger "Edition Nautilus" schon aufgrund einiger Manuskript-Seiten Interesse bekundete.

Aufgehängt am realen Amoklauf am 4. März 1988 in Dorfen, spannt Leonhard F. Seidl drei Erzählfäden mit drei völlig unterschiedlichen Akteuren, die nur der Geburtstag an eben jenem 4. März 1988 und der Wohnort Auffing eint. Sporadisch beleuchtet er von 1988 bis zum Kulminationspunkt 2016 immer wieder kleine Zeitfenster im Leben des bosnischen Waffensammlers Ayyub Zlatar, der kurdischen Ärztin Roja Özen und des Reichsbürger-Enkels Markus Keilhofer.

Interessantes Abseits

Die schwarz-weiß-Malerei ist Seidl dabei jedoch zu billig, er legt seine Figuren facettenreich an und bürstet gerne gegen Vorurteile und Klischees. Im Gespräch räumt er auch eine gewisse Sympathie für Underdogs ein - hier hat seine Jugend als Punk Spuren hinterlassen. Aber auch wenn aus seiner Sicht Abseitiges interessanter ist für die Literatur, zieht er doch eine glasklare Grenze: Für geistige Brandstifter gibt es bei ihm keinen Zentimeter Raum.

Dass seine Fiktion schon einige Male anschließend von der Realität überrollt wurde, gehört auch zu den Tatsachen, über die er im Literaturhaus Oberpfalz Auskunft gibt. So stand die Thematisierung der Reichsbürger bereits vor dem Fall in Georgensgmünd (Gemeinde Roth, Mittelfranken) fest. Andererseits schöpft Seidl auch aus der erlebten Wirklichkeit - er wuchs nicht weit von Dorfen auf, konnte dank guter Kontakte dort tiefgründig recherchieren.

Lesepartner ein Glücksfall

Bei der Lesung wird der Schriftsteller obendrein vom Zufall belohnt: Der aus dem Publikum rekrutierte Dialog-Lesepartner Friedrich Brandl beherrscht nicht nur die vorgesehene Dialektfarbe aus dem Effeff, er kennt auch Dorfen gut, schnell identifizieren beide gemeinsame Bekannte. Ein Glücksfall für den Abend, der ohnehin nicht ausschließlich an der Buchvorlage klebt.

Aus der gemeinsamen Akademie-Zeit kennen sich Gastgeberin und Schriftsteller so gut, dass viele interessante Themen auf den Podiums-Tisch kamen, angefangen von Seidls beruflichem Werdegang vom Krankenpfleger über das Studium der Sozialen Arbeit bis zum Schriftsteller. Einfach nur Schreiben ist ihm aber bis heute nicht genug und so ist er mit seiner wachrüttelnden Mission häufiger Gast in Schulen. Jungen Straftätern öffnet er an vielen Samstagen in der Justizvollzugsanstalt Ebrach mit einem Workshop "Kreatives Schreiben" das Fenster zur Literatur und ihrer befreienden Wirkung.

Den reichen Erfahrungsschatz aus dem direkten Austausch mit dem Publikum setzt Leonhard F. Seidl auch in Sulzbach-Rosenberg routiniert in Szene. Zum Schluss bekennt er sich aber auch zu dem besonderen Moment: "Es ist schon bewegend - hier hat das Buch laufen gelernt und jetzt komme ich nach 70 Lesungen zurück".

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