15.03.2018 - 17:28 Uhr
Sulzbach-Rosenberg

Leonhard F. Seidl stellt sein Plädoyer für mehr Courage in mutlosen Zeiten Wachrütteln mit Krimi

Von diffusen Vorurteilen ist es nicht weit bis zu blindwütigem Hass. Mit "Fronten" exerziert Leonhard F. Seidl eindringlich vor, was am Ende der Gewaltspirale auf dem Spiel steht. Bei der Internationalen Wochen gegen Rassismus stellt der Schriftsteller seinen neuesten Kriminalroman im Literaturhaus Oberpfalz vor.

Leonhard F. Seidl
von Anke SchäferProfil

 Nach "Mutterkorn", "Viecher" und "Genagelt" setzt sich der in Nürnberg lebende Leonhard F. Seidl in "Fronten" mit den aktuell schwierigen Zeiten auseinander, in denen Rassisten und Fanatiker wieder Oberwasser spüren. Schonungslos führt er vor, wohin starre Angst führen kann, was tatsächlich auf dem Spiel steht, wenn Mut und Zivilcourage fehlen. Am Dienstag, 20. März (19.30 Uhr), liest er aus seinem Buch im Literaturhaus. Der Kulturredaktion hat Leonhard F. Seidl noch tiefere Einblicke gewährt:

Ihr Buch "Fronten" ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinn. War es von Anfang Ziel, das Genre neu auszuloten oder hat sich das beim Schreiben ergeben?

Leonhard F. Seidl: Natürlich ist "Fronten" kein klassischer Ermittlerkrimi, in dem am Ende "das Böse" im Gefängnis landet und die Ordnung wiederhergestellt ist. Denn "das Böse" sofern es das in personifizierter Form überhaupt geben kann, ist gesellschafts-immanent, in Machtstrukturen, in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die drei Erzählperspektiven haben sich in erster Linie durch den realen Fall, die darauffolgenden Mechanismen und die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen ergeben. Die unterschiedlichen Zeitebenen, die Fragmente sollen auch unsere fragmentierte Wirklichkeit wiedergeben, in der wir nur allzu häufig mit Freundinnen oder der Familie beieinandersitzen und anstatt mit ihnen zu sprechen, kommunizieren wir mit anderen Menschen, die sich weiter entfernt befinden.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist der Amoklauf vom 4. März 1988 in der Polizeiinspektion Dorfen - warum gerade dieser Fall?

Ich bin zehn Kilometer von Dorfen entfernt aufgewachsen. Meine nur zwei Jahre jüngere Schwester weiß heute noch, dass sie damals große Angst verspürte. Für viele sind die schrecklichen Ereignisse immer noch präsent. Die damit einhergehenden Mechanismen wären heute vermutlich noch viel drastischer. Auch durch die geistige Brandstiftung der in großen Teilen rechtsextremen AfD, als parlamentarische Verkörperung der Menschenfeindlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft.

Sie greifen in diesem Buch darüber hinaus sehr düstere und schwer zu ertragende Themen auf. Kann man Ihrer Ansicht nach mit Literatur Menschen aufrütteln und zum Nach- und Umdenken bewegen?

Manche hat Fronten durchaus verstört, unter anderem, weil der Rechtsextreme nicht als durchwegs schlechter Mensch dargestellt ist. Wenn dem so wäre, wäre Fronten keine Literatur und entspräche nicht dem Leben: Menschen sind nicht gut oder böse, sie tun Gutes UND Böses. Was nichts daran ändert, dass man rechten Tendenzen entschieden entgegentreten muss. Wenn jemand geistig brandstiftet, dann ist er Täter und kein Opfer. Auch wenn sich Rechte heutzutage immer wieder als Opfer generieren, wie kürzlich Uwe Tellkamp, als er Lügen über Geflüchtete verbreitete. Hierbei ist die "Täter-Opfer-Umkehr" eine wichtige und leider auch sehr erfolgreiche Strategie der (Neuen) Rechten.

Im konkreten Fall: Sind die Reaktionen auf "Fronten" so ausgefallen, wie Sie es sich vorgestellt haben oder gab es Überraschungen?

Überrascht hat mich, dass ein Computerspiele-Entwickler und eine Übersetzerin an mich herangetreten sind. Wie auch die enorm positive Resonanz der Kritikerinnen und Kritiker. Die freudigste Überraschung sind die Schülerinnen und Schüler, die meinem Vortrag aufmerksam folgen und sich am kritischen Diskurs beteiligen. Die Jugend ist bei weitem besser als ihr Ruf. Das macht mir Hoffnung.

Ihre Lesung findet bei der Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Empfinden Sie diesen Rahmen als besondere Auszeichnung?

Ich finde es sehr wichtig, damit an das Massaker am 21. März 1960 während einer Demonstration gegen das Apartheid-Regime in der kleinen Stadt Sharpeville in Südafrika zu erinnern. Damals verletzte die Polizei mindestens 180 Menschen und ermordete 69 von ihnen, darunter Frauen und Kinder. Dieses Ereignis und die deutsche Vergangenheit bestätigen mich als Aktivist darin, zivilen Ungehorsam zu leisten, wenn Ungerechtigkeit oder geistige Brandstiftung geschieht und die Mehrheit wegsieht.

Haben Sie schon ein neues Buchprojekt in Planung und wenn ja, worum wird es diesmal gehen?

(Lacht) Natürlich. Es geht um einen Mord zur Zeit der Weimarer Republik in Fürth, der zu jener Zeit in ganz Deutschland hätte stattfinden können.

Karten unter Telefon 09661/8159590 oder info[at]literaturarchiv[dot]de.

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