Lesung mit Ulrike Anna Bleier im Literaturhaus
Eine Geschichte mal ganz anders erzählt

In Regensburg geboren lebt Ulrike Anna Bleier heute in Köln. Bei der Lesung ihres ersten Romans steht sie im Literaturhaus Oberpfalz neben dem Weltei von Walter Höllerer. Bild: aks
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
05.05.2017
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Von Anke Schäfer

Sulzbach-Rosenberg. Episode 28: Ein Lama bespuckt die Ich-Erzählerin. Episode 19: Der Alltag von Mutter und Bruderherz ist von Zwanghaftigkeiten bestimmt. Episode 23: Die Geschwister finden über die "Kreuzworträtsel-Schule" zu einer eigenen Sprache. In ihrem ersten Roman "Schwimmerbecken" verdichtet Ulrike Anna Bleier 57 dieser Schlaglichter aus dem Leben der Geschwister Luise und Ludwig zu einem Sog, dem sich auch das Publikum im Literaturhaus am Donnerstag nicht entziehen kann.

Tüftelei bei Anordnung


Es habe sie gereizt, Geschichten einmal anders zu erzählen, bekennt Ulrike Anna Bleier im Gespräch mit der Gastgeberin des Abends, Patricia Preuß. "Gleichzeitigkeit interessiert mich, synchron verträgt sich aber nicht mit chronologisch". Geschrieben habe sie daher erst eineinhalb Jahre lang Episode für Episode, die Tüftelei an der Anordnung innerhalb des Romans folgte anschließend.

Die dabei mathematisch möglichen Varianten hat sich die Schriftstellerin zwar vorrechnen lassen, von einer praktischen Umsetzung dann aber abgesehen. Dass ihre Hauptakteure Zwillinge sind, ist hingegen kein Zufall: "Das ist ein tolles literarisches Prinzip", erklärt Bleier. Damit lassen sich Wesenszüge so schön aufteilen, wie es im wahren Leben nicht möglich wäre. Als Verfechterin von allzu viel Realismus gibt sie sich ohnehin nicht: "Das eigene Empfinden ist doch nur im Raum zwischen Fiktion und Realität ansiedelbar".

Die "hohe Kunst, mit den Motiven zu spielen" und dennoch einen stringenten dramatischen Bogen zu spannen, beeindruckt nicht nur die Literatur-Expertin Preuß, die sich "Schwimmerbecken" trotz aller Möglichkeiten chronologisch erschlossen hat. Die in jeder Hinsicht offene Textform, die ideal mit dem Charakter der Ich-Erzählerin korrespondiert, habe sie direkt zu einem weiteren Lese-Durchgang animiert. Diese Empfehlung gab Preuß auch an das Publikum weiter, das bei der Lesung allenfalls durch das Schlüsselloch des Romans spitzte. Dabei bekam es eine Ahnung von der aufgeschlossenen Luise, ihrem mehr als nur introvertierten Bruder Ludwig, genannt "Bruderherz", Luises Aufbruch und Rückkehr und einer irgendwie schwierig gearteten familiären Ausgangslage.

Die Dramen innerhalb der düsteren dörflichen Kulisse, die Bleier mit unprätentiöser und deshalb umso effektvollerer Sprache im Roman greifbar macht, spart sie bei der Lesung aus. Ebenso das Mysterium um den mal gar nicht, mal nur indonesisch sprechenden Bruder oder das Unglück, das die erwachsene Luise in seinen Klauen hält - bei Krimis heißt diese Taktik "Cliffhanger".

Unaufgeregte Lesung


Dafür hat die gebürtige Regensburgerin, die seit langer Zeit fern der Heimat lebt, ihre Kinderorgel ausgemottet und untermalt damit Textproben, klimpert spieluhrgleich ein Lied oder beendet ihre letzte Lesestelle mit leisem Getrappel in fade-out-Manier. Alles so unaufgeregt wie Schreibstil und Vortrag.

Ihrer Affinität für knapp-kurze Prosa will Bleier auch zukünftig treu bleiben und das nicht nur, weil sie sich nach eigener Einschätzung für die vergleichbar kurze Textform Lyrik nicht eigne. Der neue Roman sei schon relativ weit gediehen, umklammere wieder verschiedenste Episoden und spiele nicht nur in Bayern, sondern auch in Tschechien - das Lernen der tschechischen Sprache hat für Bleier wieder neue, spannende Räume geöffnet.
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