12.07.2017 - 17:14 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Neue Nutzung eines Hüttenstandorts in Duisburg Aus der Schlacke neugeboren

Die Maloche auf Schicht ist fast noch mit Händen greifbar, das Schwitzen und Fluchen der Hüttenmänner, das Dröhnen und Fauchen der Maschinen, der Geruch nach Eisenstaub, Ammoniak, Schmierstoffen, Koksbrand und heißem Öl - das alles hat sich eingebrannt in die mächtigen Betonbauten und das Gewirr der Stahlgerüste und Rohrleitungen. Wie ein unauslöschliches Tattoo der deutschen Stahlgeschichte in Wirtschaftswunderzeiten.

Wer die 252 Stufen bis auf die 54 Meter hohe Aussichtsplattform geschafft hat, dem eröffnen sich ungeahnt tiefe Einblicke in das gesamte Industrie-Altgelände mit faszinierenden Fotomotiven. Bilder: rlö (3)
von Autor RLÖProfil

Von Sepp Lösch

Sulzbach-Rosenberg/Duisburg. Das hört sich doch verdammt nach Maxhütte an! Ist es aber nicht: Die Meidericher Thyssen-Hütte in Duisburg ist längst tot, und sie ist längst neu geboren in Gestalt des Landschaftsparks Duisburg-Nord.

Was da aus einer industriellen Altanlage, einer weitläufigen Industriebrache in knapp drei Jahrzehnten entstanden ist, hat europaweit Modellcharakter, bietet jede Menge Ansatzpunkte, Ideen und Impulse, um auch aus den Resten des einstigen Eisenhüttenwerks Maxhütte in Rosenberg - natürlich heruntergebrochen auf die hier gegebenen Größenordnungen - eine Erlebnis- und Erinnerungswelt zu schaffen, die eines auf jeden Fall wäre: Einzigartig im gesamten süddeutschen Raum. "Entdecken, staunen, erleben", verheißt ein Prospekt allen Besuchern des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Treffend beschrieben ist damit auch die Exkursion, zu der sich vor wenigen Tagen Bürgermeister Michael Göth und Rechtsdirektor Harald Mizler ins Ruhrgebiet aufmachten, um persönlich einen Eindruck zu gewinnen, wie man dort, im einstigen Herzen der deutschen Hüttenindustrie, mit diesem Erbe der jüngeren und jüngsten Vergangenheit umgeht.

Mit dabei auch Sepp Lösch, einer der Sprecher der Interessengemeinschaft "Freunde Rosenbergs" und Initiator der Unterschriftenaktion "Rettet den Hochofen und die Hochofen-Plaza".

Ralf Winkels, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Landschaftspark Duisburg Nord, und Egbert Bodmann, Leiter der dortigen Bauhütte, sind erkennbar stolz auf das Erreichte und warten mit beeindruckenden Fakten auf: Nach Stilllegung des Werks Mitte der 80er Jahre schlägt die Stadt Duisburg das weitläufige ehemalige Hüttengelände als Ideenprojekt für die IBA, die Internationale Bau-Ausstellung vor. Das NRW-Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr bewilligt 19,1 Millionen DM Strukturhilfemittel. Ein beschränkter internationaler Wettbewerb wird ausgeschrieben. Zehn Jahre intensiver Planung und Realisierung unter dem Dach der IBA folgen. Aus der Schrott- und Ruinenwüste entsteht der "Emscher Park", der Landschaftspark Duisburg-Nord. Inzwischen hat längst eine "Abstimmung mit den Füßen" eingesetzt. "Niemand," so Ralf Winkels, "hätte sich diesen Zuspruch vorher so vorgestellt. Schnell hatte auch die Politik erkannt: Diese Investitionen lohnen sich!" (Angemerkt)

Hintergrund

Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist heute ein Selbstläufer: Jährlich über eine Million Besucher entdecken, staunen, erleben. Die Betreibergesellschaft erwirtschaftet inzwischen jedes Jahr rund 2,2 Millionen Euro, das Land Nordrhein-Westfalen legt jährlich 1,8 Millionen in den Topf, mit 1,1 Millionen vom Regionalverband Ruhr und 700 000 Euro von der Stadt Duisburg kommt noch einmal der gleiche Betrag hinzu. Unterhalt, Marketing und Betrieb des Landschaftsparks erfordern einen Jahresaufwand von 5 bis 6 Millionen.

Auf 180 Hektar Fläche umfasst der Landschaftspark Duisburg-Nord insgesamt 86 Gebäude und Industrieanlagen. Hallen und Freiräume werden jährlich zwischen 600- und 700-mal von 250 verschiedenen Veranstaltern genutzt: Das reicht von Festivals und Konzerten über Opernaufführungen und andere Kulturveranstaltungen bis hin zu Messe-Events und Produktvorstellungen oder zur jährlichen Mega-Halloweenparty mit über 4000 Teilnehmern in der einstigen Kraftzentrale.

Neben einem Hochseilklettergarten des Alpenvereins und einem gefragten Tauchzentrum in einem ehemaligen Gasometer hat sich auch das Open-air-Kino in der Gießhalle des einstigen Hochofens 1 zum Top-Act entwickelt: 1000 überdachbare Sitzplätze, 42 Kinoabende den Sommer über (inklusive Partylife im karibisch gestylten Biergarten), das zieht enorm. 42 000 Karten für das Kino wurden heuer in den Vorverkauf gestellt, nach wenigen Tagen waren rund 36 000 Karten schon weg.

Inzwischen gibt es 26 Dauermieter auf dem Gelände des Landschaftsparks, unter anderem eine florierende Jugendherberge. Mit Duisburg-Nord verzeichnet das Ruhrgebiet seit Jahren enorme touristische Zuwachsraten, vor allem die Stadt Duisburg profitiert. Direkt und indirekt sind vom Betrieb des Industriedenkmals rund 12 800 weitere Arbeitsplätze im Ruhrgebiet abhängig. (rlö)

Verantwortung übernehmen

Von Andreas Royer

Seit Jahren scheint die Herzogstädter nur eine Frage zu beschäftigen: "Wann fallen die rostenden Relikte der alten Maxhütte endgültig zusammen?" Dabei könnten wir schon lange auf einer Erfolgswelle schwimmen, anstatt auf die in scheinbarer Lethargie verharrenden Entscheidungsträger in München und Freilassing zu warten. Ist die Provinz das große Engagement, den großen finanziellen Einsatz wohl nicht wert?

Die von Horst Seehofer zur Chefsache erklärte Revitalisierung des Maxhüttengeländes rund um die Hochofen-Plaza würde wahrscheinlich alles andere als ein Draufzahlgeschäft werden. Duisburg-Nord macht es vor und ist beileibe kein Einzelfall in der deutschen Hüttenindustrie.

Der Freistaat könnte sich hier - auch wenn es in der Vergangenheit vielleicht schwer gefallen ist - das Land Nordrhein-Westfalen als Vorbild nehmen, alleine schon wegen der finanziellen Unterstützung, die eine vernünftige Folgenutzung stets voraussetzt. Die Staatsregierung und Max Aicher würden so Verantwortung übernehmen, ihr Geld sehr sinnvoll einsetzen und obendrein noch profitieren.

andreas.royer[at]oberpfalzmedien[dot]de

Zum Thema: Stillstand auf dem Maxhüttengelände

Sulzbach-Rosenberg. (rlö) Warum geht auf dem Altgelände Maxhütte nichts mehr voran? Diese Frage stellt sich unter anderem auch Bürgermeister Michael Göth. "Die Vorbescheide der Stadt für den weiteren Rückbau der Anlagen sind im Februar rausgegangen. Das Standfestigkeitsgutachten für den Hochofen lief zum 31. Dezember 2016 aus. Bis heute liegt kein Anschlussgutachten vor, was unter anderem dazu führte, dass das im Juni geplante Oldtimer-Treffen am Hochofen nicht stattfinden konnte. Auch hinter der Durchführung des beliebten Hochofen-Weihnachtsmarktes steht vorerst noch ein dickes Fragezeichen."

In diesem Zusammenhang weist das Stadtoberhaupt auch darauf hin, dass offenbar seit März dieses Jahres der Rückbau der Stahlwerkanlagen wieder zum Stillstand gekommen ist, von der damit beauftragten türkischen Firma ist nichts mehr zu sehen und zu hören. "Wir stehen seitens der Stadt für die Erschließung des Gewerbegebietes MH-Ost mit rund 2,7 Hektar Fläche längst Gewehr bei Fuß", so Michael Göth. Bereits am 30. Juli 2014 hat Staatssekretär Albert Füracker nach Abschluss der Bodensanierung das Gelände als erschließungsfähig übergeben. Warum rührt sich nichts? Eine Frage, die nun vordringlich an den Eigentümer, also die Aicher-Gruppe zu richten ist.

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