Oberpfälzer im Iran
Ein Lächeln für die "Aleman"

Blauer Himmel, brauner Sand: Verfallende Lehmhäuser, Windtürme und Wasserspeicher an der südlichen Seidenstraße. Bilder: Helga Kamm (8)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
13.10.2017
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Pistazienernte auf dem Land.
 
Abendstimmung in der Wüstenstadt Yasd. Den Portalbau auf dem großen Platz schmückt ein Doppelminarett.
 
Was Frau so braucht, findet sie im Basar.

Nach dem Woher fragt eine Gruppe iranischer Medizinstudenten bei der Ankunft am Teheraner Flughafen. Als sie "München" hören, legen sie begeistert los: Thomas Müller, Manuel Neuer, Arjen Robben. Sie kennen fast alle Spieler des Rekordmeisters. Bayern steht offensichtlich hoch im Kurs im Land der Perser.

Teheran/Sulzbach-Rosenberg. "Wohin wollt ihr, nach Iran?" Oft erregte das Reiseziel der Gruppe mit Amberg-Sulzbacher Beteiligung Befremden. "Kann man denn da ohne weiteres hinfahren?" Man kann. 27 Leute im Alter zwischen 20 und 80 Jahren haben in den vergangenen Wochen dieses Land bereist, lernten Provinzen, Städte, Gebirge und Wüsten kennen und bewunderten Kulturdenkmäler aus vielen Jahrhunderten. Sie kamen in Kontakt mit Menschen, die unglaublich freundlich auf sie zugingen, vom aufkommenden Tourismus anscheinend noch nicht verdorben, neugierig auf die Fremden aus dem fernen Europa.

"Im Namen des barmherzigen und freigiebigen Gottes beginnen wir einen neuen Tag in unserem Leben." Jeden Morgen begrüßte der Reiseleiter mit diesen Worten die Gruppe. Er ist ein gläubiger, aber kritischer Moslem. Als Iraner, der einen Teil des Jahres in Deutschland verbringt, führte er die Gruppe durch die Provinzen und Städte seiner Heimat, zeigte ihnen ihre schönen Seiten, beschrieb aber auch ihre Probleme. Die Reiseroute führte von der Hauptstadt Teheran westwärts ins Hochland nach Hamadan und weiter ins Kurdengebiet nach Kermanshah. Spektakuläre Berglandschaften in der Provinz Lorestan, die Flussebenen des Zweistromlandes und Khuzestan mit den Erdölfeldern in Ahvaz waren weitere Stationen. Mit Shiraz, der Stadt der Poeten, erreichten die Reisenden die südliche Provinz Fars, um mit Yasd eine Oasenstadt am Rande der Großen Wüste kennenzulernen. Isfahan war das letzte Ziel und gleichzeitig der Höhepunkt des zweiwöchigen Aufenthalts.

4000 Jahre Geschichte

Der Iran hat eine mehr als 4000-jährige Geschichte. Sie beginnt weit vor Christus mit den Aramäern, den Stämmen der Meder und Perser, dem Religionsgründer Zarathustra und den Achämenidenkönigen Kyros und Darios. Von Xerxes hörten die Reisenden, der im Sieg über die Griechen Athen mit der Akropolis zerstörte, und von Alexander dem Großen, der sich mit der Vernichtung von Susa und Persepolis rächte. Auf die Achämeniden folgten die Parther und die Sassaniden. Mit der Geburt Mohammeds begann die islamische Zeitrechnung, 30 Jahre später spaltete sich die islamische Religion in zwei unversöhnliche Gruppen, die Sunniten und die Schiiten. Unter Scheich Abbas 1. erreichte im 16. Jahrhundert das Safawidenreich seine höchste Blüte. 200 Jahre später verhinderten bereits fortschrittsfeindliche Mullahs Reformen. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte die Kontrolle des Landes durch die Briten. Bereits 1935 wurde aus Persien Iran. Von 1925 bis 1979 regierte die Dynastie Pahlavi, deren Zeit mit der Flucht Schah Mohammad Reza Pahlavis 1979 endete. Ayatollah Chomeini kam aus dem Exil im Irak zurück und gründete die Islamische Republik Iran.

All diese Völker und Herrscher haben im Iran ihre Spuren hinterlassen. Die antike Residenzstadt Persepolis, das Ruinenfeld der Königsresidenz von Susa, das Grab des Reichsgründers Kyros im Ruinenfeld von Pasargadae, die Freitagsmoschee der Seldschuken und der große Platz Meidan e Imam in Isfahan wurden allesamt zum Unesco-Welterbe ernannt. "Viele Herrscher hat dieses Land gesehen", sagte der Reiseleiter, bis heute habe sich nichts geändert: "Die Krone wurde abgenommen, der Turban aufgesetzt."

"Aleman" willkommen

Dass der Iran heute ein Land ist, in dem man nicht offen reden kann, wurde den Teilnehmern der Reise bald klar. Nicht während der langen Fahrten im Bus, sondern nur auf offenem Feld trauten sich die einheimischen Begleiter, Kritik an der Führung des Landes zu äußern. Die Angst vor Bespitzelung ist groß. Eine Studentin im Straßencafé wagte nur flüsternd über Kopftuchzwang und andere Repressalien zu klagen. Umso erstaunlicher ist die Freundlichkeit, Offenheit und Neugier, mit denen die Iraner den Deutschen begegnet sind. "Welcome in our country" hörte die Reisegruppe immer wieder und wurde als "Aleman" besonders herzlich begrüßt. Frauen, Männer und ganze Familien schossen Fotos von den fremdländischen Touristen und brachten sie durch ihre Herzlichkeit fast in Verlegenheit.

"Wir hatten den Eindruck, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind, trotz all der Einschränkungen, die sie hinnehmen müssen", sagte einer Frau, die zum ersten Mal im Iran war. "Das ist einmal die desolate wirtschaftliche Situation durch die Sanktionen der westlichen Welt und die Inflation." Von Anfang bis zum Ende der Reise hatten die Teilnehmer Schwierigkeiten mit den iranischen Banknoten. Zehntausend Rial entsprechen dort etwa einem Euro, beim Umtausch waren alle vielfache Millionäre.

Zwei Gesichter

Dass Iran heute von westlichen Mächten als "Schurkenstaat" bezeichnet wird, mag nicht der Wahrheit entsprechen. Fakt ist, dass in unterirdischen Anlagen Urananreicherung betrieben wird. Eine bestimmte Strecke lang durften die Touristen nicht aus dem Busfenster fotografieren. Fakt ist aber auch, dass Iran den Angriff und den folgenden Krieg mit dem Irak noch immer im Gedächtnis hat. Die gefallenen Soldaten werden auf zahllosen Plakaten Märtyrer genannt, die Heimkehr eines aktuell vom IS getöteten Kämpfers legte die Stadt Isfahan verkehrsmäßig für mehrere Stunden lahm. "Nieder mit Israel, nieder mit den Saudis und vor allem nieder mit den USA", drohen großflächige Plakate. Waffen und Rüstungsmaterial wurden zu Füßen der Großen Moschee ausgestellt. Wie friedlich, wie schön dagegen die andere Seite des Landes. Die Fahrt durch eine Landschaft der Gegensätze. Weite Hochebenen, fruchtbares Land mit Reis, Mais und Getreideanbau, mit Schafherden und Rindern, dann wieder wilde Gebirge, grüne Täler, Raststätten, in denen die Reisenden Teepause machten, andere Touristengruppen trafen.

Lang waren die Fahrtstrecken von einem Ort zum anderen. Da blieb viel Zeit für Informationen über Land und Leute. Die Bus-Insassen hörten iranische Musik und lauschten der Geschichte von Leila und Madschnun, einer Liebestragödie, die Nizami, einer der berühmtesten Dichter des Landes im 12. Jahrhundert geschrieben hat. In Hamadan standen die "Aleman" am Grab des legendären Mediziners Ibn Sina, in Deutschland bekannt als der "Medicus".

Persische Poesie begleitete dann den Besuch der Mausoleen der Dichter Saadi und Hafis in Shiraz. In Feuertempeln in Yasd und Isfahan wurden die Gäste mit Zoroastrismus, der Vorläufer-Religion des Islam, vertraut gemacht. Sie hörten auch von der Wasserknappheit des Landes, begründet durch steigende Bevölkerungszahlen, weniger Schnee in den Bergen und kaum Regen. Unter den schönen Isfahaner Bogenbrücken fließt seit Jahren kein Wasser mehr, der Zayandeh Rud ist ausgetrocknet.

Fotografiert und gefilmt wurde fleißig, vor allem bei den Glanzlichtern des Iran. Die orientalische Pracht der Großen Moscheen und Paläste in Teheran, Shiraz und Isfahan, die archäologischen Stätten von Persepolis und Susa, die Lehmhäuser, Windtürme und Eishäuser der Wüstenstadt Yasd, die "Türme des Schweigens", in denen noch vor 70 Jahren die Toten den Geiern überlassen wurden - lang ist die Reihe der Sehenswürdigkeiten, zu lang, um sie alle aufzuzählen. Dazu kommen Felsenreliefs aus verschiedenen Jahrhunderten, Königsgräber, verfallende Lehmziegelbauten, die nationale Schatzkammer mit Juwelen und nicht zu vergessen die Basare mit ihrem Duft nach Gewürzen und Kebab und ihrem bunten Leben.

IranDer Iran hat nach offiziellen Angaben rund 80 Millionen Einwohnern (Stand 2016) - hat also ungefähr die gleiche Bevölkerungszahl wie Deutschland. Hauptstadt, größte Stadt und wirtschaftlich-kulturelles Zentrum ist Teheran, weitere Millionenstädte sind Maschhad, Isfahan, Täbris, Karadsch, Schiras, Ahvaz und Ghom. Der Iran bezeichnet sich selbst seit der Islamischen Revolution 1979 als Islamische Republik. Das Land besteht großteils aus hohem Gebirge und trockenen, wüstenhaften Becken. Seine Lage zwischen dem Kaspischen Meer und der Straße von Hormus am Persischen Golf macht es zu einem Gebiet von hoher geostrategischer Bedeutung mit langer, bis in die Antike zurückreichender Geschichte.

"Es geht voran, wenn auch im Schneckentempo", sagte der iranische Begleiter der Reisegruppe aus Deutschland, der in den zwei Wochen zu einem engen Vertrauten geworden ist. Die Großajatollahs besäßen zwar die Macht, mit ihrer rückwärts gerichteten, religiös verbrämten Ideologie die "dekadente Kultur des Westens" zu verhindern. Die Rohani-Regierung aber lenke das Land in eine Richtung, "die Hoffnung aufkommen lässt". Hoffnung auf Frieden, Wirtschaftswachstum und politische Öffnung. Frau sein ist im Iran nicht einfach. Abgesehen von den schwarzen Tschadors und Kopftüchern, die in den Städten wie auf dem Land das Straßenbild prägen, gibt es zahlreiche Scharia-Gesetze, mit denen die religiösen Führer die Frauen unterdrücken. So müssen Frauen in der Moschee hinter den Männern stehen, damit diese nicht vom Gebet abgelenkt werden. An das Haar der Iranerinnen dürfen nur Friseurinnen, und das hinter verdunkelten Fensterscheiben.

Ausgebildeten Sängerinnen bleibt nur das Ausland, denn im Iran dürfen nur Sänger öffentlich auftreten. Und der Gipfel des Absurden: Es gibt Frauenfußball- und Volleyballmannschaften im Iran, deren Wettkämpfe - mit natürlich entsprechend verhülltem Körper - aber keine Zuschauerinnen haben, weil es Frauen verboten ist, Sportstadien zu betreten. Andererseits sind 60 Prozent der Studenten weiblich. Sie dürfen gemeinsam mit ihren Kommilitonen Vorlesungen hören, ein gemeinsames Lernen im Wohnheim aber ist absolut tabu. (hka)


Viele Herrscher hat dieses Land gesehen. Die Krone wurde abgenommen, der Turban aufgesetzt.Der iranische Reiseleiter, der seinen Namen nicht nennen wollte


Wir hatten den Eindruck, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind, trotz all der Einschränkungen, die sie hinnehmen müssen.Eine Frau aus der deutschen Reisegruppe
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