Hochinteressant
Mag sein, dass der anspruchsvolle Titel "Die hebräischen und jiddischen Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek" manch einen vom Weg in die Synagoge abhielt. Die Sorge war unbegründet, denn der Referent, Prof. Dr. Stefan Wimmer von eben dieser Staatsbibliothek in München, redete und erzählte so, dass auch Nicht-Fachleute von seinen Worten und Bildern gefesselt waren. Der Abend wurde - so Stadtheimatpfleger Dr. Markus Lommer - ein "Privatissimum" im kleinen Kreis, aber hochinteressant.
Reiche Erfahrung
"Die Bayerische Staatsbibliothek hat ein orientalisches Herz". Mit dieser Feststellung leitete der Fachreferent für Hebraica seinen Vortrag ein. Durch sein Studium der Ägyptologie und Archäologie in Jerusalem und Beteiligung an bedeutenden Ausgrabungsprojekten gewann er "reiche Erfahrung aus Boden und Büchern", die ihm in seiner späteren Arbeit zugute kam. Für die Ausstellung über hebräische und jiddische Neuerwerbungen aus den vergangenen 50 Jahren stellte Wimmer den Katalog "Von Sulzbach bis Tel Aviv" zusammen.
Große Vergangenheit
Hier Tel Aviv, erste hebräische Stadt der Neuzeit, "angesagt" und cool, dort die kleine Stadt Sulzbach-Rosenberg - was beide verbindet, so der Professor, sind die Bücher. "Unglaublich viele Bücher werden heute in Israel gedruckt, viel mehr als in anderen europäischen Ländern".
Sulzbach dagegen habe in dieser Hinsicht eine große Vergangenheit, nämlich die erste hebräische Druckerei, die - unterstützt vom aufgeschlossenen Pfalzgrafen Christian August - im 18. Jahrhundert europaweit großen Ruf erlangte. "Experten erstarren heute vor Ehrfurcht, wenn es um die Sulzbacher hebräische Druckerei geht", beschrieb Wimmer. Ihre Erzeugnisse wie Gebetbücher waren speziell auf dem osteuropäischen Markt gefragt, andere Druckereien hätten damals sogar schon "Marktpiraterie"betrieben.
In der Orient- und Asienabteilung der Staatsbibliothek sind gegenwärtig rund 700 hebräische Handschriften und etwa 36 700 Drucke vom 15. Jahrhundert bis heute zusammengetragen, darunter auch Hunderte aus der Sulzbacher Druckerei. Eine Auswahl der Exponate stellte Prof. Wimmer in Wort und Bild vor, er zeigte Dokumente mit unterschiedlichen Inhalten, Schriften und Sprachen, religiöse oder historisch bemerkenswerte Werke, die Haggadah, eine Sammlung von Texten und Liedern für das jüdische Passah-Fest und unter anderem eine "Frauenbibel" in jiddischer Sprache, gedruckt in Sulzbach. Die von Hans Wuttig gemalten Bilder jüdischer Friedhöfe in der Synagoge gaben den idealen Rahmen.
Das Leben blühte
Als einen Sammelschwerpunkt der Bayerischen Staatsbibliothek bezeichnete der Redner Publikationen, von und für jüdische Überlebende der Schoa, sogenannte "Displaced Persons" (DPs), herausgegeben: "In der Übergangszeit nach dem Weltkrieg blühte in jüdischen DP-Camps das kulturelle wie das religiöse Leben auf, alle Schriften sind durchdrungen von der Erschütterung durch das Erleben und Überleben der Schoa".
Mit herzlichen Worten würdigte der Referent abschließend "diese wunderschöne kleine Stadt Sulzbach-Rosenberg, die eine wichtige Position einnimmt in dieser ganzen Geschichte". Und Dr. Markus Lommer veränderte das bekannte Abschiedswort "Nächstes Jahr in Jerusalem" und lud Professor Wimmer ein zu einem weiteren Besuch "nächstes Jahr in Sulzbach-Rosenberg".
Zur Person
Stefan Wimmer, geboren 1963 in München, studierte in Jerusalem Archäologie und Ägyptologie, war Assistent am Lehrstuhl für Altes Testament an der Katholisch-theologischen Fakultät und habilitierte an der Ludwig-Maximilian Universität in München. Er ist seitdem Fachreferent für Hebräisch, Jiddisch und Alter Orient an der Bayerischen Staatsbibliothek sowie Vorsitzender der "Freunde Abrahams - Gesellschaft für religionsgeschichtliche Forschung und interreligiösen Dialog".(hka)
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