Ralf Höllers reales Wintermärchen fesselt das Publikum in der Buchhandlung Volkert
Keine Revolution der Schriftsteller

Ralf Höller präsentiert bayerische Geschichte aus Schriftsteller-Sicht und zieht manch ernüchternde Schlussfolgerungen. Bild: Schäfer
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
15.04.2018
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Revolutionen hat die Welt schon viele gesehen. Aber nur die wenigsten sind so gut und unmittelbar von Literatenhand dokumentiert wie die Bayerische Revolution im November 1918. Ralf Höller hat die vielseitigen O-Töne zu einem "Wintermärchen" collagiert, das er am Freitag in der Buchhandlung Volkert in Sulzbach-Rosenberg vorstellt.

Vielleicht liegt es an dem spannenden Dreiklang Bayern-Revolution-Schriftsteller, vielleicht am anstehenden 100. Jubiläum der turbulenten Ereignisse: Mit derart vielen Gästen rechnet der Buchhändler ansonsten höchstens zur Buch-Auslese vor Weihnachten. Und auch Höller wirkt angenehm überrascht vom großen Zuspruch.

Mit der Übersicht des ausgewiesenen Experten lotst er durch die 175 Tage zwischen Revolution, Freistaat und Räterepublik, in deren vier verschiedenen Phasen auch große Köpfe wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Oskar Maria Graf oder Lion Feuchtwanger nicht immer den Überblick behalten hatten.

Ralf Höller tut dies aber nicht bierernst und staatstragend, sondern streut immer wieder kleine Seitenhiebe auf die Aktualität ein. So ruft er beispielsweise der Bayerischen Staatsregierung nach, dass der von der SPD beantragte, einmalige Feiertag am 8. November 2018 doch zumindest auf Probe durchaus erwägenswert gewesen wäre - "die Revolution würde es verdienen".

Auf den Spuren der Schriftsteller geht es vom unruhigen 4. November 1918 über die Proklamation der Bayerischen Republik und die Ermordung Kurt Eisners bis zur im April 1919 ausgerufenen und im Mai schon wieder niedergeschlagenen Münchner Räterepublik. Allen namhaften Begleitern zum Trotz wehrt sich Höller entschieden gegen die Kategorisierung als "Revolution der Schriftsteller". Diese hätten zwar der Sache Stimme verliehen, getragen wurde der Umsturz jedoch überwiegend von Arbeitern und Soldaten.

Jenseits der Münchener Stadttore fand die Revolution übrigens unterschiedlichen Anklang. Grundsätzlich sei die wegen hoher Kriegsabgaben aufgebrachte Landbevölkerung aber durchaus gegen die Absetzung der Wittelsbacher gewesen. Zum Sulzbach-Rosenberger Stand der Dinge damals zitiert ein Zuhörer aus der Chronik des am 10. November 1918 gegründeten SPD-Ortsverbands und kam zu dem Schluss: "Es war scho a bisserl Action da".

Die Frage nach dem bei vielen Original-Zitaten herausklingenden Antisemitismus rückt beklemmende Einsichten in den Fokus. Ralf Höller hat sich intensiv mit diesem Aspekt auseinandergesetzt und wird im November dazu einen Aufsatz in der "Zeit" veröffentlichen. Seiner Auffassung nach war der Antisemitismus seinerzeit schon fast salonfähig. Allerdings müsse man aus der damaligen Perspektive zwischen Antisemitismus und direkter Judenfeindlichkeit differenzieren: "Man ist früher zu sorglos damit umgegangen".

Keinen Zweifel hat der Autor daran, dass der auf die Niederschlagung der Räterepublik folgende Wandel zur "Ordnungszelle" der Beginn der Nazi-Bewegung mit München als "Hauptstadt der Bewegung" war. Mit diesem ernüchternden Schluss will der Gastgeber jedoch weder das Publikum noch den Autor entlassen. Und so klingt der hörenswerte Abend mit dem in jeder Hinsicht schillernden Gastgeschenk "Die Leben des Käpt'n Bilbo" von Ludwig Lugmeier doch noch locker aus .
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