Schriftsteller Uwe Timm im Literaturhaus Oberpfalz
Rassenwahn und pulsierender Nachkriegsalltag

Scheut den Schrecken der Vergangenheit nicht: Schriftsteller Uwe Timm (Foto: Gunter Glücklich)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
05.04.2018
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Im Dritten Reich bemäntelten "Rassenhygiene" oder "Eugenik" ein menschenverachtendes Kapitel. In seinem Roman "Ikarien" spult Schriftsteller Uwe Timm dieses Thema von den Aufarbeitungsversuchen zurück bis zu den Anfängen des ideologischen Wahnsinns.

Sulzbach-Rosenberg/München. So goldrichtig das Buch als Warnung in der aktuell politisch wie gesellschaftlich fragilen Zeit auch kommt, so wenig versteckt Uwe Timm dabei seine Erzählkunst. Deshalb verfängt sich der deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen nicht allein im Zeitzeugnis eines ehemaligen Weggefährten des Eugenikers Alfred Ploetz, sondern lässt sich zudem vom pulsierenden Alltagsrhythmus des Neuanfangs mitreißen. Die Kulturredaktion hat nachgefragt:

War es weise Voraussicht oder glücklicher Zufall, dass ihr Roman "Ikarien" gerade in einer Zeit erschienen ist, in der nationalistisches Gedankengut wieder salonfähig zu werden droht?

Uwe Timm: Einen glücklichen Zufall mag man das nicht nennen. Ich trage den Stoff seit fast vierzig Jahren mit mir herum und erst vor fünf Jahren habe ich eine Form gefunden, die diesen Stoff erzählerisch fasst. Die Aktualität ist eher erschreckend.

Sie verknüpfen das Hauptthema, die Rassenhygiene-Theorien, die letztlich in grausame Menschenversuche und Tötungsprogramme der Nazis mündeten, mit dem überlebensfrohen Alltag und der profanen Normalität unmittelbar nach Kriegsende. Ein bewusster Griff, um das Ausmaß des Schreckens plastischer hervortreten zu lassen oder einfach der Spiegel der damaligen Realität?

Beides. 1945 ist ein Einschnitt in die deutsche Geschichte, mit der Kapitulation wurden nicht nur die Opfer befreit, sondern es begann ein Wechsel in der deutschen Mentalität, die autoritär, autoritätshörig und nationalistisch war. Ein Mentalitätswechsel, der Deutschland den westlichen Demokratien nahebringen sollte.

Wenn Sie, so wie Ihre Roman-Figur Karl Wagner, einem Fanatiker wie Alfred Ploetz begegnet wären, wie hätten Sie sich positioniert?

Das habe ich ja in dem Roman versucht zu beschreiben. Wagner hat durchaus etwas vom Autor.

Den Eugeniker Alfred Ploetz haben Sie nicht erfunden - er war der Großvater Ihrer Frau. Wie stand und steht sie eigentlich der Idee gegenüber, dieses Kapitel Familiengeschichte über Ihren Roman mit großer öffentlicher Resonanz auszuleuchten?

Sie hat meine Arbeit unterstützt.

Ihre Biografie steckt ebenfalls zumindest andeutungsweise im Roman, der insoweit auch als fiktiver Zwilling zur realen Geschichte "Am Beispiel meines Bruders" betrachtet werden könnte. Wenn Sie die Wahl hätten, wären Sie lieber wie Ihre Figur Michael Hansen mit Ihrer Familie vor der Machtergreifung nach Amerika ausgewandert statt in Deutschland zu bleiben?

Die Wahl hatte ich ja nicht. Aber man kann sie als literarische Möglichkeit durchspielen.

"Ikarien" ist nicht nur ein dicker, sondern auch ein komplexer Roman. Welche Schwerpunkte setzen Sie bei Lesungen wie jetzt im Literaturhaus Oberpfalz?

Ich werde etwas aus der 1945 Handlung lesen und einen Abschnitt aus dem Bericht von Wagner.

Wenn Sie auf Ihre nächsten Ideen und Planungen blicken - geht es eher Richtung Gegenwart oder wieder zurück zur nahen oder ferneren Vergangenheit?

Das weiß ich noch nicht, ich habe da verschiedene Stoffe, die mich schon länger beschäftigen.

Schriftsteller Uwe Timm kommt mit seinem neuesten Roman "Ikarien" ins Literaturhaus Oberpfalz . Am Donnerstag, 12. April (19.30 Uhr) , ist er bei Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin) in Sulzbach-Rosenberg zu Gast. Reservierungen und Informationen zur Lesung unter Telefon 09661/8159590 oder info@literaturarchiv.de.

Der Roman "Ikarien", 512 Seiten, ist im Verlag "Kiepenheuer & Witsch" erschienen und kostet 24 Euro.

Bild: Gunter Glücklich

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