24.11.2017 - 14:56 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Thomas Lehr liest seinen neuesten Roman im Literaturhaus Oberpfalz Eine Zumutung, die sich lohnt

Leichter Lesestoff ist es nicht, was der in Berlin lebende Schriftsteller Thomas Leer in seinem neuesten Roman auffächert. Aber der Mut, Literatur wieder auf eine Ebene weit über massentauglicher Belanglosigkeit zu heben, wurde belohnt

Thomas Lehr
von Anke SchäferProfil

"Schlafende Sonne" schaffte es auf die Shortlist zum Buchpreis 2017 und wurde vor einigen Tagen mit dem Bremer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet. Mit dem Buch hat Thomas Lehr einen 640 Seiten starken Wälzer vorgelegt, der es in jeder Hinsicht in sich hat. Am Donnerstag, 30. November (19.30 Uhr), stellt er im Literaturhaus Oberpfalz dieses literarisch komprimierte Jahrhundert-Panorama vor. Die Moderation übernimmt Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin). Im Interview mit der Kulturredaktion gibt Lehr Einblicke in das Großprojekt und darüber hinaus.

Worin liegt für einen studierten Biochemiker der Reiz, sich der Literatur als quasi anderem Ende des Fantasie-Spektrums zuzuwenden?

Thomas Lehr: Im Grunde genommen hatte ich schon mit 16 den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zu Zeiten des Abiturs habe ich meine Meinung geändert, ich dachte, das schaffst du nie. Ich hatte ein Faible für Naturwissenschaften und plante Wissenschaftsautor oder -journalist zu werden. Nach drei Jahren Physik-, Mathe- und Biochemiestudium ließ das künstlerische Schreiben aber keinen Raum mehr, das Talent drückte. Vor dem Diplom habe ich ein Jahr freigenommen, um einen Roman zu schreiben und bin dann bei der Schriftstellerei geblieben.

Wie lange haben sich bei Ihnen schon einzelne Skizzen zu diesem Mammut-Roman angesammelt oder ist alles beim Schreiben entstanden?

Ich habe einen groben Plan, die Details entstehen beim Schreiben. Oft weiß ich vorher wenig und mache beim Schreiben Entdeckungen, begebe mich auf einzelne Expeditionen. Es ist ein Hin und Her zwischen Plan und Chaos.

Das Grundgerüst des Romans ist eine Ausstellung - hatten Sie irgendwie auch Modest Mussorgskys Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" im Sinn?

Daran gedacht habe ich schon, aber ich habe ihn aber nicht explizit wiedergehört. Er spielt aber auch in Chris Markers Essayfilm "Sans Soleil", aus dem ein Motto meines Buches stammt, eine Rolle.

Sie haben kaskadengleiche Sätze und plastische Wortbilder in atemberaubender Dichte geschaffen - waren Sie irgendwann selbst in Gefahr, in dem prallen literarischen Strudel zu versinken?

Fortwährend, deshalb ist eine genaue Konstruktion wichtig. Ich muss Dinge zulassen und kontrollieren - ein organisiertes Chaos. Ich konstruiere lange vor. Wenn ich ein Kapitel beginne, weiß ich, was passieren wird. Die Dichte entsteht in Schichten, die ich übereinander lege, optimiere und überblende.

Ihr Roman ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Erinnern Sie sich noch an die ersten Worte des Lektors zu Ihrem Großprojekt?

Mein Lektor bekommt von mir keine Vorstudien, ich gebe immer ein druckfertiges Buch ab. Er sagte: "Kompliment", es hat ihm sehr gut gefallen. Und er fand es "nicht so schwer zu lesen, wie gedacht".

Mit "Schlafende Sonne" fordern Sie auch die Leser heraus - sind Sie mit deren bisherigen Reaktionen zufrieden?

An die Leser ist schwer heranzukommen. Mit den authentischen Reaktionen der zehn Erstleser, die ich persönlich kenne, bin ich zufrieden: "Es ist eine Zumutung, aber es lohnt sich". Ich finde das Buch erholsam, weil es sich abgrenzt vom Sprachmüll, der uns umgibt. Und der Leser erkennt, dass es mehr als Konfektionsware gibt.

Wie herausfordernd ist es auf der anderen Seite für Sie, einen solchen Roman in der kurzen Zeit einer Lesung vorzustellen?

Eine Lesung hat mit Schreiben nichts zu tun, ich muss mich daher erst umstellen. Ich überlege ein paar Tage lang, wie ich Einblicke geben und Schneisen schlagen kann. Am Ende habe ich vier bis fünf Möglichkeiten vorbereitet und entscheide dann spontan auf das jeweilige Publikum abgestimmt. Wenn, wie mit Thomas Geiger, ein Moderator dabei ist, bin ich auch neugierig auf dessen Lesarten und gehe darauf ein.

Sind Sie zum ersten Mal zu Gast im Literaturhaus Oberpfalz?

Nein, ich war schon drei- bis vier Mal da. Es ist ein sehr beliebter Spielort von mir. Thomas Geiger lockt mich immer heran, wenn ein neuer Roman fertig ist.

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Reservierungen und Informationen unter Tel. 09661/8159590 oder info[at]literaturarchiv[dot]de. Der Roman ist im Hanser-Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

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