01.12.2017 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Thomas Lehr stellt Schlafende Sonne als ersten Band einer Trilogie im Literaturhaus Oberpfalz ... Fortsetzung folgt

Bei schweren Lesebrocken tut es gut, vom Schriftsteller persönlich an die Hand genommen zu werden. Weit weg vom literarischen Elfenbeinturm präsentiert Thomas Lehr im Literaturhaus seinen ausgezeichneten Roman "Schlafende Sonne" als vergnügliches und sprachlich geschliffenes Stück Zeitgeschichte.

von Anke SchäferProfil

Sein bemerkenswertes Geschick, große Ideen auf einen übersichtlichen Punkt zu komprimieren und dem Publikum damit Mut für das Mammutwerk zu machen, mag an Thomas Lehrs Ader für Naturwissenschaften liegen. Einen weiteren Schlüssel offenbart er ohne Koketterie im Gespräch mit Moderator Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin (im Bild links): "Ich schreibe immer das Buch, das ich nicht kann". Es fließt daher stets viel Vorarbeit in Form von Recherche und Gesprächen in seine Projekte und das zahlt sich auch später für das Publikum aus.

Bevor es ans konkrete Schreiben geht, braucht Thomas Lehr "das Gefühl, den Stoff so gut zu kennen, dass ich fantasieren kann". Erst wenn das Erfundene am Ende sogar den Experten plausibel erscheint, ist es gut genug für ihn. So geschehen auch bei den beiden Leseproben, die in der DDR der Jahre 1985 und 1989 angesiedelt sind.

"Lila Drache"

Im ersten Teil setzt Lehr die schillernde Künstler- und Malerszene in Dresden ins Bild, zu der der damals in West-Berlin studierende Lehr selbst keinerlei Berührungspunkte hatte. Die Kontakte sind erst später gewachsen und mündeten noch später in einem Dresdener "Lokaltermin" an der Seite eines zum Freund gewordenen Künstlers. Selbstverständlich saß Lehr auch nicht beim "letzten Abendmahl" der DDR am 7. Oktober 1989 mit an der Tafel. Stattdessen lässt er eine seiner drei Hauptfiguren Mäuschen spielen und sorgt mit seinen Widergängern verblichener Potentaten für Heiterkeit. Trotz kleiner Verfremdungen gut identifizierbar finden diejenigen, die alt genug sind, sofort die passenden Bilder und haben nicht nur an Margot Honecker als "lila Drache mit Stahlwollefrisur" ihre Freude.

Unerschrockenheit zeichnet s Lehr aus und das nicht nur im Umgang mit historischem Personal. Der Schriftsteller zeigt ebenfalls keine Hemmungen, Kunstgeschichte, Philosophie und Naturwissenschaft in seinem Epos zu mixen. Heraus kommt dennoch kein wirrer Mischmasch, sondern eine durch das gesamte Jahrhundert mäandernde Geschichte mit dem Thema Licht und Sonne als Orientierung gebender Fixstern.

Aber auch räumlich bespielt der Autor in "Schlafende Sonne" ein weites Feld. Munter geht es hin und her zwischen Metropole und Provinz. Anders als im zentral ausgerichteten Frankreich verteile sich in Deutschland der Geist, befindet Lehr, und nennt beispielhaft die für seinen Roman wichtigen Orte Göttingen als Wiege der Quantenmechanik, Freiburg als philosophisches Zentrum und Dresden als Hort der Malerei.

Unterhaltsamer Abend

Zum Ausklang des unterhaltsamen Abends hakt Thomas Geiger noch bei den Schlussworten des Buches ein und erkundigt sich nach dem Stand der dort angekündigten Fortsetzung. Es bleibe bei dem Dreh- und Angeltag im August 2011 ebenso wie bei den drei Hauptfiguren, verrät der Schriftsteller. Während sich "Schlafende Sonne" an der ersten Hälfte dieses Tages aufzieht, umspielen die beiden Nachfolger die zweite Tageshälfte respektive die Nacht. Die historischen Rückblenden werden die Weimarer Republik beziehungsweise Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg ausleuchten - und das auf noch einigen Seiten mehr als bei der "Schlafenden Sonne".Bild: Anke Schäfer

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.