Tschichische Autoren im Literaturhaus
Eine Familie in der Zerreißprobe

Das Prager Literaturhaus war zu Gast im Literaturhaus Oberpfalz. Es lasen, übersetzten und diskutierten (von links) Dr. Barbara Sramkova, Katerina Tuckova, Bianca Lipanska, Jakuba Katalpa. Bild: gf
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
03.12.2016
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Just zur Jahrtausendwende versammeln sich in Prag die in alle Welt zerstreuten Kinder eines Mannes, der mit seinem Tod den deutsch-tschechischen Konflikt wachruft, der in diesem Fall wie ein tiefer Riss eine Familie spaltet. Die Geschichte passt zum Thema der Landesausstellung, die ganz unter dem Zeichen Kaiser Karls IV steht.

Während aber hier das Jahrhunderte alte gemeinsame Erbe in der Mitte Europas beschworen wird, geht Jakuba Katapa, die mit ihrem Roman "Die Deutschen" zu Gast war im Literaturhaus Oberpfalz den tiefen Spalten nach, die eine deutsch-tschechische Familie einer Zerreißprobe aussetzt. Am Donnerstag stellte die junge westböhmische Autorin ihr Werk vor. Sie wurde begleitet von Katerina Tuckova, die sich ebenfalls mit dem Thema "Flucht und Vertreibung" beschäftigt hat, ihren Roman "Die Vertreibung der Gerta Schnirch" jedoch nicht vorstellen konnte, weil er noch nicht übersetzt ist.

Die Lesung im Literaturhaus ist die Fortsetzung einer Veranstaltung, die am 22. November im Literaturhaus Prag ihren Anfang genommen hat. Am diesem Tag war Patricia Preuß vom Literaturarchiv zu Gast bei den tschechischen Kollegen. Sie begleitete Bernhard Setzwein und Akos Duma in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes.

Generation der Enkel

Setzwein las aus seinem noch nicht veröffentlichten neuen Böhmen-Roman, Duma hatte bereits am 22. September sein neues Buch "Der Weg der Wünsche" vorgestellt. Das Buch hat die Flucht einer Familie aus dem kommunistischen Ungarn über Jugoslawien in den Westen zum Thema: Flucht und Vertreibung also sind die Begleitliteratur zu der Landesausstellung. Sie sind endgültig bei der Generation der Enkel jener Menschen angekommen, die unmittelbar betroffen waren.

Jakuba Katalpa wählt einen neuen Ansatz für die historische Auseinandersetzung, die die Literatur in Tschechien und Deutschland gleichermaßen schon lange beschäftigt. Sie lässt eine junge Frau anlässlich des Todes ihres Vaters im Leben von dessen Mutter forschen. Diese Frau, die vor allem in den dreißiger Jahren und während des Zweiten Weltkrieges schlimme Dinge erlebt, wird zum lebendigen Symbol eines Konflikts, der, immer wieder angefeuert durch die hinlänglich bekannten historischen Ereignisse, nicht ruhen will und seine Metastasen bis in die Gegenwart streut. Im Roman "Die Deutschen" geht es nicht nur um das persönliche Schicksal einer Frau, sondern auch um ihre möglicherweise persönliche Schuld.

So zumindest wird das von ihrem Sohn empfunden, der seine Mutter abgrundtief hasst. Und dieser unauslöschliche Hass überträgt sich eben auf die Deutschen im Allgemeinen. Es ist eine Geschichte des Verlusts für alle Beteiligte. Einige verlieren dabei ihr Leben. Und die, die davonkommen, müssen sich aus den Trümmern etwas ganz neues aufbauen.

Nicht unmittelbar mit der Vertreibung befasst sich Katerina Tuckova in ihrem Roman "Das Vermächtnis der Göttinnen. Eine merkwürdige Geschichte aus den Weißen Karpaten." Drei Frauen, die uralte Traditionen als Heilerinnen pflegen, geraten in Konflikt mit der Gegenwart, mit Behörden. Die Autorin greift weit zurück in die Zeit des Mittelalters, als Frauen wie diese noch als Hexen verfolgt wurden. Es geht also auch um Reste von Aberglauben im positiven wie im negativen Sinne.

Skurrile Geschichten werden erzählt von Liebes- und Partnerschaftszauber, von Schadensbeschwörungen. Dieser an sich schon verwirrende und teilweise gespenstische Prozess gerät schließlich in die Gegenwart und in die Büros der Staatssicherheit, zuvor in die Hände der deutschen SS, und gerät am Ende zu einem politischen Konflikt, als man die "Göttinnen" der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt. Die Vielschichtigkeit der Story deutet die kaum auslotbaren Tiefen an, in die der deutsch-tschechische Konflikt auch geraten kann.

Lebendige Diskussion

Die Autorinnen versuchten sich in einer recht lebendigen Diskussion in die Aktualität mit einzubringen. Hier war vor allem das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen als Entwicklungsgeschichte das Thema. Moderiert wurde der Abend von Dr. Barbora Sramkova, der programmatischen Leiterin des Prager Literaturhauses. Bianca Lipanska leistete wertvolle Dienst als Dolmetscherin, die geschickt sprachliche Barrieren überbrücken half.
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