01.05.2017 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ulrike Anna Bleier liest in ihrer oberpfälzischen Heimat: Aus dem Sprachstrudel herausfinden

Die Oberpfalz ist kein Ort für Literatur. In dieser festen Überzeugung kehrte die Schriftstellerin Ulrike Anna Bleier 1989 ihrer Oberpfälzer Heimat den Rücken, um nach Köln zu ziehen. Jetzt kehrt sie zu einer Lesung ins Literaturhaus zurück

In ihrem Roman erzählt Ulrike Anna Bleier von einer symbiotischen Geschwisterbeziehung: Fünf lange Jahre hat Luise nichts von ihrem Zwillingsbruder Ludwig gehört. Nun ist er wieder da und sitzt am Wohnzimmertisch der Eltern im niederbayerischen Dorf Kollbach, als wäre nichts geschehen. Trotz der einst engen Beziehung findet Luise keinen Zugang mehr zu ihm. Bild: Rynek
von Anke SchäferProfil

Am Donnerstag, 4. Mai, tritt die Autorin, 1968 in Regensburg geboren, selbst den Gegenbeweis an und liest um 19.30 Uhr im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg aus ihrem tief in Bayern verorteten Roman "Schwimmerbecken". Wir haben nachgehakt:

Warum war die Oberpfalz für Sie kein Ort für Literatur?

Ulrike Anna Bleier: Ich bin in der Oberpfalz der 1980er Jahre aufgewachsen und damals - noch vor der Wende und der Erfindung des Internets - fühlte ich mich ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt, von dem, was ich mir unter dem "wahren Leben" vorstellte - aber vielleicht ist das etwas, das nur junge Menschen betrifft: dass sie sich dieses sogenannte wahre Leben nur an einem Ort vorstellen können, den sie nicht kennen. Um mich dem Rest der Welt also stärker verbunden zu fühlen, las ich sehr viel.

Und das, was ich in Büchern fand, spielte entweder in der Vergangenheit oder in einer sehr aufregenden, meist urbanen Gegenwart. Dort fanden Revolutionen statt, Entwicklungen, die die Welt veränderten oder verändern würden, in der Kunst wie in der Politik. Und so war Literatur für mich automatisch ein Ort, der ganz weit weg war. An dem sich die Dinge abspielten, die welthaltig waren. Heute sehe ich das schon etwas anders und halte es eher mit Herbert Achternbusch, der sagte, dass es "die Welt" ja gar nicht gebe. Und wenn es keine Welt gibt, dann hat auch der Begriff Welthaltigkeit wenig Sinn.

Fallen die Resonanzen in Bayern anders aus als in Köln?

Es gibt kleine Unterschiede, zum Beispiel, was die Beschreibung des bayerischen Dorflebens angeht. Die Bayern sagen: Genauso ist es auf den bayerischen Dörfern. Leser aus anderen Regionen sagen: Das könnte überall auf dem Land sein, auch in der Eifel oder im Hunsrück. Interessant ist auch, dass sich gerade Nicht-Bayern für das Bairische in dem Text interessieren und es zum Anlass nehmen, über die Wirkmächtigkeit von Herkunftssprache und Dialekt generell nachzudenken.

Wie hat Ihr - sofern noch vorhandenes - bayerisches Umfeld auf "Schwimmerbecken" reagiert?

Bei der Buch-Premiere in Regensburg wurden Fragen nach autobiografischen Zusammenhängen gestellt. Figuren und Orte des Romans sind fiktiv, und der Roman ist aus keiner autobiografischen Position heraus geschrieben; dennoch habe ich mich natürlich autobiografischen Materials bedient.

Welche Leser wünschen Sie dem Roman, und was wünschen Sie sich von diesen Lesern?

In zwei Rezensionen hieß es: Der Roman ist gleichzeitig schwer und leicht zu lesen. Als ich das las, habe ich mich sehr verstanden gefühlt. Und so wünsche ich mir auch die Leserinnen und Leser für "Schwimmerbecken": Dass sie sich mehrere sich widersprechende Impulse zugestehen, dass sie sich in den Sprachstrudel hineinziehen lassen und mithelfen, dass wir alle, die Leser, der Text und ich, da wieder herausfinden.

Ist die anstehende Lesung im Literaturhaus anders als andere Lesungen und, wenn ja, warum?

Eigentlich ja. Andererseits: Jede Lesung ist anders, weil der Text an jedem Ort vor jedem Publikum unterschiedlich wirkt und sich auch unterschiedlich verhält. Von daher würde meine Antwort, wenn sie ja lauten würde, nicht nur für die anstehende Lesung, sondern für jede Lesung gelten. Also nein.

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Reservierungen und Informationen unter 09661/815959-0 oder info[at]literaturarchiv[dot]de.

 

 

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