13.04.2018 - 13:34 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Uwe Timm besticht als Schriftsteller und Erzähler im Literaturhaus Oberpfalz Roman der gescheiterten Utopien

Von Anke Schäfer

Freundschaftlich verbunden: Schriftsteller Uwe Timm (links) und Moderator Thomas Geiger. Bild: Schäfer
von Anke SchäferProfil

Sulzbach-Rosenberg . Der Publikumsmagnet Uwe Timm hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren: Fast schon wie die sprichwörtlichen Sardinen quetschen sich die Fans am Donnerstag ins Literaturhaus Oberpfalz, um den großen deutschen Schriftsteller mit seinem neuesten Roman "Ikarien" live zu erleben. Viele wussten bereits von den vorherigen Timm-Gastspielen in Sulzbach-Rosenberg, dass der Abend mehr bieten würde als blankes Vorlesen und ein paar höfliche Fragen des Moderators. Und es wird niemand enttäuscht: Uwe Timm präsentiert sich in blendender Erzähllaune, die der freundschaftlich verbundene Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin durch Leben und Werk des Schriftstellers lenkt.

Klar für Goethe

Die gemeinsame Freude über den zuerkannten Schiller-Preis der Stadt Mannheim nutzt Geiger sogleich, um Timm zum klassischen Duell "Goethe oder Schiller" auf den Zahn zu fühlen. Das Auswendiglernen und Abfragen der Schiller-Balladen noch im Hinterkopf, votiert der Schriftsteller klar für Goethe und sinniert obendrein noch über das pädagogische Talent eines Deutschlehrers, der seine ersten literarischen Gehversuche vor der Klasse bloßgestellt habe. Zum Glück für die moderne Literatur hat das den gelernten Kürschner und auf dem zweiten Bildungsweg studierten Germanisten und Philosophen nicht von seiner Berufung abgehalten. In dem das ganze 20. Jahrhundert umfassenden OEuvre stellt Geiger sodann auf den Roman "Morenga" ab, auf dem in gewisser Weise auch "Ikarien" fußt.

In beiden Werken lotet Timm die Frage aus, warum Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Kultur für tötenswert gehalten werden. Im Fall von "Ikarien" erweitert der Schriftsteller die Konstellation um die Frage, wie ein utopischer Kommunist zum Eugeniker und Begründer der "Rassenhygiene" mutieren kann - so geschehen bei Alfred Ploetz, dem Großvater von Uwe Timms Ehefrau Dagmar Ploetz. Dessen Perspektive allein empfand Uwe Timm jedoch als langweilig und schuf stattdessen über den fiktiven ehemaligen Weggefährten und Famulus Karl Wagner ein faustisches Szenario, das er mit dem Hauptprotagonisten Michael Hansen wiederum von außen beleuchtet.

Hansen kommt als US-Offizier nach Deutschland und hält seine Eindrücke der "Stunde Null" nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Tagebuchform fest. Uwe Timm erlebte diesen Umbruch als Fünfjähriger in der Coburger Einquartierung mit und hat unter anderem die erstaunliche, wenn auch vorübergehende kollektive Verängstigung als Erinnerung bewahrt.

"Ikarische Idee"

Dem Publikum gibt er einen kurzen erzählerischen Überblick zu Hansens durchaus angenehmen Lebensumständen während seiner 14-monatigen Stationierung in Bayern. Die weiteren Leseproben bleiben jedoch dem Dissidenten Wagner, dessen Rückblick auf die ikarische Idee und die Breslauer Gruppe um Ploetz und die Gebrüder Gerhart, Georg und Carl Hauptmann sowie der im Rahmen der Aufarbeitung beauftragten Befragung durch Hansen vorbehalten.

"Ikarien" in die rein historische Schublade abzuschieben, wäre jedoch ein Fehler: Im Gespräch ziehen Uwe Timm und Thomas Geiger mühelos den Faden zur modernen pränatalen Medizin und ihren aktuellen Möglichkeiten. Ob segensreich und oder verdammenswert - das müsse jeder selbst entscheiden, so Timm.

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