Was die Wissenschaft über die Musik zu Zeiten Karls IV. weiß
Der Kaiser ließ improvisieren

Armin Schmid machte mit Bild und Ton die Musik des 14. Jahrhunderts lebendig. Bild: gac
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
09.12.2016
97
0

Kaiser Karl IV. gilt nicht als großer Musikliebhaber. Er verwirklichte sich eher in Palästen und Kirchenbauten. Dennoch erklang Musik an seinem Hof ebenso wie in den damaligen Kirchen. Was sich 700 Jahre später darüber noch herausfinden lässt, zeigte Armin Schmid mit einem faszinierenden Vortrag in der Synagoge.

Der geistliche Mittelpunkt Böhmens war seit dem 10. Jahrhundert der Prager Veitsdom mit der Kapelle des heiligen Wenzel, die Krönungskirche und Grablege der böhmischen Könige. Der Bau der heutigen gotischen Kathedrale wurde 1344 begonnen, aber schon nach etwa 50 Jahren wieder eingestellt, als erst der Chor und der Hauptturm fertig waren. Die Gottesdienste für das Volk fanden jahrhundertelang unter einem hölzernen Notdach statt, bis der Dom Ende des 19. Jahrhunderts fertiggebaut wurde.

In dieser notdürftig hergerichteten Baustelle gründete der spätere Kaiser Karl IV. einen Chor aus 24 sogenannten Mansionaren; Klerikern, die auf dem Domgelände wohnen mussten. An Altären nahe der königlichen Gruft sollten sie auf ewig täglich Messen für den König singen. Bei großen Festen (Weihnachten, Ostern, Pfingsten) erstreckten sich spezielle Liturgien teilweise über mehrere Tage ohne Pause. Eine Sammlung von Choralhandschriften aus dem 14. Jahrhundert im übergroßen Foliant-Format mit den für Böhmen typischen monumentalen rhombischen Noten ist teilweise erhalten. Sie soll bis Anfang des 20. Jahrhunderts in regelmäßigem Gebrauch gewesen sein.

Inoffizielle Nationalhymne

Auch der Wenzelschoral, die inoffizielle Nationalhymne Tschechiens, ist in dieser Zeit erstmals auf Tschechisch überliefert. Er ist Bestandteil der Liturgie für Karls Krönungsmesse von 1344, die der spätere Kaiser selbst verfasst haben soll.

Ein ganz besonderer Aspekt der kirchlichen Musik im Umfeld Karls IV. war die Messe im Prager Kloster zu den Slawen (Emmauskloster), die im Gegensatz fast zur gesamten katholischen Kirche nicht auf Latein, sondern auf Altkirchenslawisch (Glagolitisch) gesungen wurde. Auch davon sind Fragmente mit rhombischen Noten erhalten, die den modernen tschechischen Komponisten Leos Janácek zu seiner "Glagolitischen Messe" inspiriert haben.

Von der Musik am Hofe Karls IV. ist im Gegensatz zur geistlichen Musik nichts erhalten. In dieser Zeit wurde weltliche Musik meistens nicht aufgeschrieben, sondern improvisiert. An der von Karl gegründeten Prager Universität, der ältesten in Mitteleuropa, war die Musik jedoch eine der sieben Freien Künste. Das Musikstudium hatte zunächst keinen Praxisbezug und befasste sich nur mit systematischen und philosophischen Betrachtungen. Dennoch wurden Kompositionen aufgeschrieben und als Lehrbeispiele verwendet.

Einstimmig in Prag

Interessant ist, dass in Prag noch die einstimmige Gregorianik gelehrt wurde, während in Paris schon seit 1320 die "Ars Nova" entstand, die mehrstimmige Musik. Noch zu Lebzeiten Karls, im Jahr 1369, tauchte allerdings in Prag eine Abhandlung über die französische Mehrstimmigkeit auf, die erste in Mitteleuropa.

Der Regensburger Musikwissenschaftler Armin Schmid illustrierte seinen Vortrag, der zum Begleitprogramm der bayerisch-tschechischen Landesausstellung in Nürnberg gehörte, mit einer Vielzahl von Bildern der Bauten und auch von Notenblättern. Er zeigte beispielsweise Fresken aus Prag und Karlstein, auf denen Musiker und Musikinstrumente des 14. Jahrhunderts abgebildet sind.

Dazu gab es passende Hörbeispiele, die wegen des Versagens der Technik in der Synagoge mit Hilfe eines CD-Spielers eingespielt werden mussten. So konnten sich die Zuhörer ein gutes Bild von der Musik im Umfeld Karls IV. machen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.