29.04.2006 - 00:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Archäologische Grabungen in Kunst-Fischer-Gasse: Viel ältere "Vorstadt" außerhalb der Stadtmauer Die Neustadt war nicht Neuland

Wenn der Archäologe Dr. Mathias Hensch irgendwo zu graben anfängt, besteht immer die "Gefahr", dass ein Stück Geschichte neu geschrieben werden muss: So möglicherweise jetzt auch, was die mittelalterliche Historie der Sulzbacher Neustadt angeht. Denn Grabungen, die der Experte in dieser Woche im Egloffsteiner-Palais in der Kunst-Fischer-Gasse anstellte, förderten Erstaunliches zutage.

von Jürgen HerdaProfil

Die kurzfristig gestartete Grabungskampagne steht in Zusammenhang mit der Generalsanierung des gotischen Gebäudes (früher fälschlich als "Hundt'sches Haus" apostrophiert), die nun endlich angelaufen ist. Bevor der Baufortschritt weitere archäologische Untersuchungen nicht mehr zulässt, haben Dr. Mathias Hensch und seine Mitarbeiterin Ines Buckel M. A. aus Regensburg das Grabungswerkzeug angesetzt.

Sie legten im Bereich der ehemaligen "Rußkuchl" des Hauses eine in die Tiefe führende massive Steinmauer frei, die als Ostmauer eines älteren Vorgängerbaues definiert werden konnte. Schon vor Jahren hatte der Restaurator Siegfried Mühlbauer aus Regensburg im Auftrag der Stadt in dem gotischen Palais Befundungen durchgeführt und dabei die Existenz eines Vorgänger-Baues nachgewiesen, auf dessen Reste er vor allem im Keller gestoßen war. Mühlbauer datierte diesen Befund damals vorsichtig auf "spätestens 14. Jahrhundert".

Haus aus der Romanik?

Zahlreiche Erkenntnisse aus der Grabung in dieser Woche erhärten allerdings die Vermutung, dass dieses Vorgängergebäude schon wesentlich früher, in romanischer Zeit, erbaut worden ist. Dr. Mathias Hensch zur SRZ: "Wir haben jetzt die originale Ostwand eines annähernd quadratischen Steinhauses von fast 12 x 12 m Abmessung freigelegt. Von der Art, wie die Steine gesetzt sind und wie der Setzmörtel quasi als Verputz über die Steine verstrichen wurde, spricht sehr vieles für für eine Errichtung in der Romanik, also im 12. Jahrhundert oder womöglich noch früher."

Das würde die Aussage einer archivalischen Quelle bestätigen, die davon spricht, dass schon 1326 außerhalb der ursprünglichen Stadtmauer genauso viele Hausanwesen standen wie innerhalb des Mauerrings. Und sofern es sich dabei um so massive Steinbauten handelte, wie jetzt ausgegraben, mussten auch diese Häuser der historischen Vorstadt von sozial höher gestellten Leuten bewohnt gewesen sein. Normalsterbliche jener Zeit hausten in Holzhütten.

Alte Siedlungsstruktur

Von der Radiocarbon-Untersuchung eines Stücks Holzkohle an der Uni Erlangen verspricht sich der Wissenschaftler Aufschluss über die genauere Datierung der Bauzeit. Nicht nur der jetzige Befund eines Steinhauses, sondern auch die sogar am heutigen Stadtbild noch ablesbare Anordnung der Gebäude im Bereich Kunst-Fischer-Gasse - nicht streng gegliedert, sondern eher locker angeordnet und mit relativ weiten Abstandsflächen - spricht laut Hensch für eine ältere Siedlungsstruktur in diesem Bereich.

Dies könnte in die karolingische Zeit zurück weisen, ins 10. oder gar ins 9. Jahrhundert. Und das würde dann wiederum bedeuten, dass lange, bevor Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert die Sulzbacher Neustadt anlegen ließ, außerhalb der Mauern bereits eine ausgedehnte Vorstadt mit bedeutenden Bewohnern existiert hätte.

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