14.06.2006 - 00:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Das Manderscheidt-Positiv: Geschichte einer Orgel spannend wie ein Krimi - Konzert in der ... Musik mit Knarzen wie einst beim Herzog

von Autor COGProfil

Die Geschichte dieses Instruments ist spannend wie ein Krimi. Mitte der 70er Jahre barg der damalige Kantor der Christuskirche, Jürgen-Peter Schindler, in der Friedhofskapelle die traurigen Reste eines Positivs, einer tragbaren Orgel ohne Pedale. Von der Klaviatur waren nur Rahmen, Pergamentleiste und Befestigungsschrauben erhalten, von der Spielmechanik nur "Stecker". Von ursprünglich 270 Pfeifen hatte nur eine die Zeiten überdauert.

Der Kantor und später sein Sohn Christoph Schindler, inzwischen Orgelbaumeister, haben das historische Instrument rekonstruiert und seine Geschichte erforscht. 1646 hatte der Rat der Stadt Sulzbach das Positiv aus der Werkstatt des Nürnberger Orgelbaumeisters Manderscheidt Herzog Christian August als Huldigungsgeschenk übereignet. Lange Zeit stand es in der Nikolauskapelle im Schloss, wo es im Gottesdienst gespielt wurde. Dafür musste das Positiv zum ersten Mal umgebaut werden, denn die Blasebälge waren ursprünglich (wie auch jetzt nach der Rekonstruktion wieder) oben angebracht und mussten wegen der geringen Deckenhöhe auf der Empore in die Truhe verlegt werden.

Im 19. Jahrhundert wurde die Orgel in die Friedhofskapelle gebracht, wo sie verfiel. Die Rekonstruktion war schwierig, weil sehr viel vom Instrument fehlte, aber Vergleiche mit anderen Manderscheidt-Positiven in Ensdorf, Liverpool und Schweden gaben wichtige Anhaltspunkte, weil die Maße bei allen ähnlich sind. Seit 1993 ist das Instrument wieder spielbar.

Schindler erläuterte, wie viel Sorgfalt im Bau und in der Restaurierung eines solchen wertvollen Instruments stecken. So sind die Blasebälge aus Holzlamellen mit Leder zusammengefügt. Jeder Balg besteht aus 100 Teilen, das gesamte Instrument aus 1504 Einzelteilen - alle mit Liebe und Leidenschaft gefertigt. Die Orgel ist mitteltönig gestimmt, also nicht "wohltemperiert". Die Randtonarten klingen deshalb nicht rein. Moderne Musik lässt sich auf dem Positiv nicht spielen, aber für die Stücke jener Zeit mit kleinen Themen und gefälligen Verzierungen ist es ideal.

Zur großen Pfalz-Ausstellung ist das Instrument an seinen Ursprungsort zurückgekehrt. Christoph Hammer, Spezialist für historische Tasteninstrumente, stellte es in einem Konzert in der Sulzbacher Schlosskapelle vor. Schindler bediente den Blasebalg, denn natürlich funktioniert der bei dieser Orgel nicht elektrisch.

Das Programm führte quer durch Europa mit Werken von Georg Muffat, Christian Erbach, Orlando Gibbons und Girolamo Frescobaldi. Heiter war Johann Kaspar Kerlls "Capriccio sopra el cucu", in dem Kuckucksrufe in verschiedenen Tonarten eingefangen sind. Bei Johann Pachelbels beschwingter "Arietta" mit Variationen zog Hammer alle Register, aber es waren gerade die gedeckten Variationen von Jan Pieterson Sweelingk zu "Mein junges Leben hat ein End", die die klanglichen Möglichkeiten besonders gut demonstrierten.

Hammer wechselte nach jedem Satz die Register und zeigte so die gleiche Grundmelodie in immer anderer musikalischer Gestalt. Sanfte Flötentöne, schmetternde Trompetenklänge und raumfüllende Bässe versetzten die Zuhörer in der ausverkauften Schlosskapelle in das 17. Jahrhundert.

Gerade auch die starken Spielgeräusche trugen zu diesem historischen Eindruck bei. Der Blasebalg knarzte und die Tasten klapperten - wie einst im Gottesdienst mit Herzog Christian August. Lebhaft und ausdauernd applaudierten die begeisterten Besucher am Ende des Konzerts. Im Stadtmuseum ist das Positiv bis September zu besichtigen.

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