21.02.2017 - 18:36 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ausstellung „Die Sudetendeutschen“ in der Sparkasse: Gespräch mit sechs Zeitzeugen Nichts soll vergessen werden

Ihnen geht es nicht um Rache oder Revanche. Ihre Worte sind nicht von Hass erfüllt. Vor 70 Jahren haben sechs heutige Herzogstädter ihre ursprüngliche Heimat im Sudetenland verloren - eine Zäsur unvorstellbaren Ausmaßes. Heute sprechen sie von Versöhnung und Freundschaft, aber auch vom Unrecht, das ihnen widerfahren ist.

Im Besitz von Werner Miksch ist dieses Schaubild des Regierungsbezirkes Egerland mit einer Größe von 7466 Quadratkilometern. Bilder: Royer (7)
von Andreas Royer Kontakt Profil

In der Nachkriegszeit bis Ende 1946 kamen in der Stadt Sulzbach-Rosenberg völlig entkräftet und lediglich mit 50 Kilo Habseligkeiten 4074 heimatvertriebene Sudetendeutsche an. Eine Situation, die über drei Millionen Sudetendeutsche in den Jahren 1945/46 erleben mussten. Hans Dittrich, Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft Amberg-Sulzbach, schildert die harten Fakten ohne Emotionen und Wertung - zu viele Jahre sind vergangenen. Mit seinen Freunden Josef Christ, Hans Varesi, Harry Vogel, Hans Schuster und Werner Miksch verbindet ihn das gleiche Schicksal der Vertreibung.

Begleitend zu der noch bis Faschingsdienstag, 28. Februar, laufenden Ausstellung in den Räumen der Sparkasse wollen sie von ihrer Heimat erzählen, die sie in Kinder- und Jugendtagen erlebten. Erinnerung ist ihnen wichtig. Nichts soll in Vergessenheit geraten. Großen Wert legen sie auf die versöhnende Grundhaltung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Viele hätten Freunde gefunden unter den Nachbarvölkern und enge Kontakte geknüpft mit den heutigen Bewohnern der alten Heimat im Sudetenland. Die Männerrunde macht aber auch unmissverständlich klar, dass die geschichtliche Wahrheit keinesfalls verschwiegen werden dürfe - es ist auch viel Leid auf beiden Seiten geschehen.

Viele zweisprachig

Die Heimatorte der Besucher decken viele Bereiche des einst rund 27 000 Quadratkilometer großen Sudetenlandes ab. Josef Christ stammt aus Mankendorf im Kuhländchen, Hans Varesi ist in Sternberg im Altvatergebirge geboren, Böhmisch-Rothmühl im Schönhengstgau ist die Heimat von Hans Dittrich und Hans Schuster, Harry Vogel kommt aus Hirschberg am See im Niederland und Werner Miksch vertritt das Egerland mit dem Ort Kirchenbirk. Mehrmals unterstreichen die Vertriebenen, dass es vor dem Krieg wechselseitig Kontakte mit tschechischen Nachbarn gegeben habe. Reger Handel wurde getrieben, viele Bewohner seien zweisprachig gewesen, Deutsche arbeiteten bei Tschechen und umgekehrt, die Sprachgruppen lebten zwar abgegrenzt, aber in gegenseitiger Toleranz.

Ihre alte Heimat war der Schönhengstgau und das Niederland

Für uns war der plötzliche Hass unverständlich. Böhmisch-Rothmühl musste ich mit sechs Jahren am 9. Juni 1945 bei einer wilden Vertreibung verlassen, kam nach Sachsen per Güterzug. Auf den Transporten und in den Lagern gab es viele Tote. Eine erste Station war Falkenberg, 1952 traf ich in Sulzbach ein.Hans Dittrich (77)
Unser Dorf Böhmisch-Rothmühl im Schönhengstgau war ganze sieben Kilometer lang. Es gab drei Schulen, 2500 Einwohner lebten dort. Bei der Vertreibung 1945 war ich fünf Jahre alt und kam zuerst ein Jahr nach Sachsen. Die Familienzusammenführung 1946 führte mich nach Döttenreuth bei Königstein.Hans Schuster (76)
Ich stamme aus Hirschberg am See, ein Kurort mit damals schon jährlich 50.000 Gästen. Die Bombardierung der rund 60 Kilometer entfernt liegenden Stadt Dresden konnten wir zu Hause noch hören. Bei der Vertreibung 1946 kam ich erst nach Friedberg, aber wir wussten schon zuvor, dass Amberg unser Ziel ist.Harry Vogel (83)

Ihre alte Heimat war das Kuhländchen, Altvatergebirge und Egerland

Am 8. August 1946 ging es von Mankendorf nach Odrau ins Lager für den Abtransport nach Deutschland. Wir kamen zu je 30 Personen und 50 Kilo Gepäck in einen Viehwaggon. In der Mitte ein Eimer für die Notdurft. So fuhr der Zug mit 1200 Vertriebenen über Furth im Wald, Nürnberg und Lager Augsburg in ein Flüchtlingslager nach Kempten im Allgäu.Josef Christ (86)
Die Vertreibung traf mich mit neun Jahren. Zwei Kilometer von meinem Heimatort Sternberg im Altvatergebirge entfernt verlief die Protektoratsgrenze. Aus Richtung Schlesien kamen dann 1945 die Russen, von denen wir human behandelt wurden. Mit einem der letzten Eisenbahntransporte ging es im August 1946 nach Deutschland.Hans Varesi (80)
Ich stamme aus dem 400-Einwohner-Dorf Kirchenbirk im Egerland. Bei Kriegsende wurde eine tschechische Verwaltung eingerichtet, aber es gab keine Übergriffe. Im September 1946 kam ich ins Lager nach Falkenau und von dort mit dem Zug nach Sulzbach. Schlimm waren nicht die Russen, sondern marodierende tschechische Horden.Werner Miksch (84)

Hintergrund

Ein Blick in die Geschichte Böhmens und Mährens zeigt unterschiedliche nationale Bestrebungen, die oft Grund für Konflikte waren. Radikale auf beiden Seiten forderten unter anderem auch die Vertreibung der anderen Sprachgruppe. Das Münchener Abkommen während der Hitler-Diktatur 1938 verschärfte die Situation, legte schließlich auch die Saat für Reaktionen der sich unterdrückt fühlenden tschechischen Seite.

Die Antwort kam mit den Benesch-Dekreten, von denen zwölf die in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen und Ungarn kollektiv schuldig und weitgehend rechtlos machten. Ihr Eigentum wurde eingezogen, die Staatsbürgerschaft aberkannt. Damit wurden nach Angaben der Gesprächsrunde die Voraussetzungen für die Vertreibung geschaffen. Dazu sei am 8. Mai 1946 noch das Straffreistellungsgesetz gekommen, nach dem alle an Deutschen und Ungarn verübten Verbrechen für legal erklärt wurden.

Wie Hans Dittrich weiter anführte, setzt sich die Landsmannschaft dafür ein, den Ungeist der Vertreibung zu überwinden und dieses Unrecht auf der Grundlage eines gerechten Ausgleichs zu heilen. "Darüber hinaus liegt es uns weiter sehr am Herzen, auf das reiche kulturelle Erbe des Sudetenlandes hinzuweisen", so der Vorsitzende. (oy)

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