06.02.2018 - 16:22 Uhr
Sulzbach-Rosenberg

Gibt es im Landkreis zu wenige stationäre Stellen? Pflegeplatz gesucht

Gibt es einen Pflegenotstand im Landkreis? Manchmal sieht es fast so aus. In Sulzbach-Rosenberg bemüht sich ein Mann um einen Pflegeplatz für seine Mutter, aber alle Heime signalisieren ihm Vollbelegung. Und doch soll es freie Plätze geben, sagt der Landrat. Woran liegt es, dass diese nicht besetzt werden? Werner Rother legt seinen Finger in eine Wunde.

Sind die Pflegeplätze im Landkreis Amberg-Sulzbach rar? Die Pflegeplatzbörse weist noch Kapazitäten aus. Konkrete Anfragen bei Heimen zeichnen ein anderes. Symbolbild: dpa
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Der Sulzbach-Rosenberger erklärte unserer Zeitung die Situation, die ihn und seine Mutter in Bedrängnis brachte: "Ich hätte letzte Woche für meine Mutter dringend einen Pflegeplatz für eine Woche benötigt, habe aber nicht nur von allen Heimen in Sulzbach-Rosenberg, sondern auch in Amberg, Vilseck, Edelsfeld und Auerbach eine Absage bekommen. Es ist nirgends etwas frei, nicht einmal für Notfälle. Es wurden mir Wartezeiten von einigen Wochen bis Monaten für freie Plätze genannt." Rother zieht daraus einen eindeutigen Schluss: "Bei den Alten- und Pflegeheimen besteht im ganzen Landkreis ein Pflegenotstand, aber die zuständigen Behörden und Politiker unternehmen nichts - oder wissen sie etwa gar nichts davon?" Es gebe auch keinen Koordinator, der den aktuellen Belegungs-Stand kenne, Auskunft über den nächsten freien Platz geben könnte und rechtzeitig Alarm schlage, wenn es eng wird. Für die Betroffenen und Angehörigen sei es eine große Belastung, überall selbst anfragen zu müssen und sich Absagen zu holen. Eine Service-Arbeitskraft könnte auch längerfristige Wünsche regeln und jeden in das am besten geeignete Heim vermitteln.

Und Rother stellt noch andere Fragen: "Was geschieht eigentlich, wenn eine Katastrophe passiert, bei der auf einmal sehr viele Verletzte versorgt werden müssen? Gibt es da keine Notfall-Pläne? Warum kann man diese nicht in geeignetem Maß bei den derzeitigen Engpässen einsetzen?"

Maßstäbe verrutscht?

Bei der Versorgung unserer Alten und Kranken dürfe es kein "Geht nicht" geben. Und auch keine Verschiebung der Verantwortung auf andere, hierfür müssten Stadt und Landkreis die Verantwortung übernehmen. "Wenn ich ständig lese, wie viel Aktivität und Geld unsere Politiker in anderes investieren, ob es sich um Straßen, alte Gemäuer oder Digitales handelt, so scheinen mir deren Maßstäbe gründlich verrutscht zu sein." Auch kritisierte Rother die sogenannte Pflegeplatzbörse auf der Homepage des Landkreises. Hier sei bei manchen Einrichtungen teils seit Juli nichts mehr aktualisiert worden.

Personal der Knackpunkt

Landrat Richard Reisinger, der Rothers Argumente per E-Mail erhalten hatte, reagierte prompt: Er kontaktierte die Landkreis-FAQ (Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht). Nach deren Unterlagen hätten fast alle Einrichtungen im Landkreis freie Plätze. Allerdings räumte er ein, dass dies nicht zwangsläufig bedeute, dass alle diese Plätze auch vergeben werden könnten. "Für den Fall nämlich, dass das erforderliche Pflegepersonal nicht zur Verfügung steht, können auch tatsächlich freie Plätze nicht besetzt werden!" Dies sollte aber nicht auf alle Einrichtungen im Kreis zutreffen.

Zur Kritik an der Pflegeplatzbörse meinte Reisinger, dass eine zurückliegende Aktualisierung auch bedeuten könne, dass sich eben nichts verändert habe an der Situation seitdem. "Wir bemühen uns aber, die Pflegeplatzbörse aktuell zu halten und inhaltlich noch mehr zu optimieren." Die Datenpflege obliege allerdings den Einrichtungen selbst, nicht dem Landkreis. Dieser stelle nur die Plattform bereit. "Im Übrigen legen die Heimbetreiber sehr viel Wert auf autonomes Marketing."

Koordinator nötig

Rother ergänzte dazu, dass ihm bei persönlichen Anfragen in den Einrichtungen eine angespannte Situation mit Wartezeiten bis zu mehreren Monaten bescheinigt worden sei. Teils müssten dringende Fälle bis nach Nürnberg verwiesen werden. Er erachtet die Börse dennoch als wichtiges Instrument, wenn sie denn aktuell gehalten würde. "Ein Koordinator im Landkreis, der immer genau wüsste, wo tatsächlich freie Plätze sind, aber auch langfristige Wünsche aufnehmen und vermitteln kann, wäre sehr hilfreich!"

Stadt wäre gefordert

Werner Rother betreibt auch seit langem das Projekt eines Gemeinschafts-Seniorenhauses, für das ihm der Landrat Unterstützung zusicherte. Leider, so klagt Rother, komme aber von der Stadt und den Stadträten keine Unterstützung dazu. Hauptargument sei hier das Fehlen einer funktionsfähigen Stadtbau-Gesellschaft. "Allerdings frage ich mich dann, warum die Stadt den Bahnhof und andere Gebäude kaufen und mit hohem Aufwand sanieren kann."

Lediglich die Grünen hätten sich der Sache angenommen. In Ursensollen habe man sich gemeinsam über das dortige Projekt informiert. "MdL Jürgen Mistol wies darauf hin, dass es für solche Projekte einen 90-prozentigen Zuschuss gibt, wenn der Besitzer die Stadt ist. Damit müsste so ein Projekt in Sulzbach-Rosenberg wohl möglich sein!" (ge)

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Weitere Informationen zum Thema:

http://www.wohnen-in-gemeinschaft.net

Drei Fragen an Günter Koller

Zur Pflegesituation in der Region stellten wir dem Caritas-Geschäftsführer Günter Koller drei Fragen.

Herr Koller, wie stehen Sie zur Institution der Pflegeplatz-Börse?

Koller: Eine sehr gute Einrichtung, nur sollte sie viel besser aktualisiert werden. Börse heißt für mich ein- bis zweimal wöchentliches Update. Interessenten brauchen einen aktuellen Überblick, weil sich der Bedarf nach einem Pflegeplatz meist aus einer unvorhergesehenen Situation ergibt. Und dann muss man schnell reagieren können. Deswegen sind die zeitnahen Meldungen der einzelnen Heime an die Homepage so wichtig.

Scheinbar ist das nicht überall der Fall. Wie könnte man das beschleunigen?

Da hilft nur politischer Druck auf die Träger, da sind die entsprechenden Stellen gefordert. Nur eine schnelle Meldung von freien Plätzen macht Sinn bei einer solchen Börse. Zumindest eine grober Überblick über die momentane Situation muss stets gegeben sein.

Warum sind so wenig stationäre Pflegeplätze entstanden?

Das kommt zum einen von den strengen baulichen Auflagen eines neuen Gesetzes, das viele Betreiber von einer Erweiterung ihres Heimes oder sonstigen baulichen Veränderungen abschreckt, zum anderen von der starken Fokussierung auf die ambulante Pflege im neuen Pflegestärkungsgesetz, die den stationären Teil nicht mehr so stark bewertet. Auch das ist kein Ansporn, neue stationäre Plätze zu schaffen.

Von einem Notstand im Landkreis und der Stadt Amberg würde ich allerdings nicht sprechen. In der Tat ist es aber so, dass die Einrichtungen zur Zeit sehr gut belegt sind. (ge)

Bei den Alten- und Pflegeheimen besteht im ganzen Landkreis ein völliger Pflegenotstand.Werner Rother

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