09.05.2005 - 00:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Kriegsende 1945 in Sulzbach-Rosenberg aus Sicht der US-Soldaten Bis hinunter in Hermann Görings Weinkeller

Wir haben das Kriegsende bisher vor allem aus der Sicht der deutschen Zivilbevölkerung beleuchtet. Es gab aber auch eine unmittelbar amerikanische Perspektive des Geschehens, nämlich die der vorrückenden US-Truppen. Sie kämpften in einem fremden und feindlichen Land, einen halben Erdball von ihrer Heimat entfernt, für die Befreiung Europas.

von Agentur DPAProfil

Auch ihnen mag es oft schwer gefallen sein, der deutschen Zivilbevölkerung human oder gar freundlich gegenüberzutreten, nachdem deren Landsleute in Wehrmacht und SS ihnen noch kurz vorher sinnlose Abwehrkämpfe geliefert und dabei möglicherweise ihre Kameraden getötet hatten.

Die Vorgänge im Pegnitztal und dem Raum Sulzbach-Rosenberg zwischen dem 20. und 22. April sollen hier aus der Sicht von Teilen der 71. US-Infanterie-Division dargestellt werden, über die ein Geschichtswerk von Gerald McMahon vorliegt (siehe Hintergrund-Kasten), wenn darin natürlich auch nicht alle Ereignisse gleichmäßig und mit der wünschenswerten Genauigkeit behandelt werden.

Die 71. US-Infanterie-Division hatte am 14. und 15. April 1945 Bayreuth erobert und zog über Creußen sowie Auerbach weiter Richtung Süden. Nach Bayreuth wurde das Frühlingswetter durch nasskalte Tage abgelöst, erinnert sich McMahon. Das Terrain, auf das sie jetzt kamen, empfanden die Amerikaner als holprig, zerklüftet und von nur wenigen brauchbaren Straßen durchzogen. Tiefe Geländeeinschnitte und enorm viel Wald erschwerten die Ausdehnung ihrer Frontlinie. "Wie wir es schon gewohnt waren, stießen wir in vielen kleinen Dörfern und fast jeder Stadt, ganz ungeachtet ihrer Größe, auf Widerstand", schreibt McMahon. Besonders im Gedächtnis blieb ihm ein Aufeinandertreffen am 21. April, bei dem die US-Truppen fünf deutsche Panzer und vier Panzerkampfwagen ausschalteten. (Möglicherweise war das der deutsche Gegenangriff zwischen Achtel und Hartenstein.)

Detailliert geht McMahon unter der Kapitel-Überschrift "Veldenstein Castle" auf die Kämpfe um Neuhaus und Velden ein. Bis zum 20. April hatte sich das 66. Infanterieregiment in die Nähe dieser Ortschaften vorgearbeitet. Der Angriff auf die deutschen Stellungen begann an diesem Tag mit einem Vorfall, den die US-Soldaten als tragisch empfanden: Am frühen Morgen waren die Sergeanten von Prittwitz und Black zu Leutnants ernannt worden, und als sie um 7 Uhr als neue Zugführer ihren Soldaten das Zeichen zum Sturm auf die deutschen Stellungen gaben, wurden sie beide fast gleichzeitig von Scharfschützen des Feindes erschossen.

Siegfried von Prittwitz war ein deutscher Wehrmachtsfeldwebel gewesen, der nach der Nazi-Machtergreifung in die USA geflohen war. McMahon dazu: "Ein Mann mit dem am meisten deutsch klingenden Namen, den man sich nur vorstellen kann, hatte für seine Wahlheimat gekämpft und war für sie gestorben."

Das Regiment hörte, dass um Neuhaus SS-Einheiten zusammengezogen worden waren, um die Burg Veldenstein, die Hermann Göring gehörte, zu verteidigen. Weil die Amerikaner Velden für das Kommunikationszentrum der Deutschen im Veldensteiner Forst hielten, von dem aus der Widerstand gegen die US-Truppen koordiniert würde, gingen sie gleichzeitig gegen Velden vor, was wegen des schwierigen Geländes nicht ganz einfach war.

Von der Burg abgeprallt

In Neuhaus dagegen brach der Widerstand rasch zusammen, nachdem Artillerie den Ort beschossen hatte. Sie konnte zwar den dicken Mauern der Burg kaum etwas anhaben, setzte aber den Ort in Brand. Viele deutsche Soldaten, die in brennenden Gebäuden in der Falle saßen, wurden von den Amerikanern erschossen, als sie flohen.

Nach dem Kampf nahmen sich einige US-Soldaten die Zeit, Görings Burg zu erkunden. Die erhofften Reichtümer waren dort freilich nicht mehr zu finden, bestenfalls noch einige "bemerkenswerte Souvenirs", etwa aus der Bibliothek. In Görings Weinkeller stellte ein amerikanischer Gefreiter fest, dass er nicht nur mit den edelsten Tropfen vollgestopft war, sondern auch mit größeren Mengen von Lieferungen des amerikanischen Roten Kreuzes, die eigentlich für die US-Soldaten in deutschen Kriegsgefangenenlagern bestimmt gewesen waren.

Amüsant fanden die Männer vom 66. Infanterieregiment im Gegensatz dazu die Anstrengungen der Neuhauser Feuerwehr, die nach dem Kampf die Brände zu löschen versuchte und dabei einen sehr langen Schlauch ausrollte, aber nicht bemerkte, dass er schon beim Hydranten von Schrapnell-Splittern durchlöchert worden war. "Die gute alte Zeit unter dem "Fetten Hermann" war vorbei, und der Krieg hatte jetzt auch diese gediegenen Bürger eingeholt", vermerkt McMahon.

Velden wurde eine andere, härtere Schlacht; dort hielten die Deutschen mit gepanzerten Fahrzeugen dagegen, die Amerikaner wurden nach weitem Vorrücken wieder zurückgeschlagen, erlitten schmerzhafte Verluste. Dass diese Schlacht ausgerechnet an Hitlers Geburtstag stattfand, veranlasste McMahon zu der Bemerkung: "Der Schurke würde zehn Tage später Selbstmord begehen, aber seine zersplitterten Truppen kämpften weiter, als ob sie keine andere Wahl hätten." Velden wurde von allen verfügbaren Rohren der schweren US-Artillerie unter Feuer genommen. "Es brannte die ganze Nacht am Horizont", erinnerten sich mehrere Männer später.

Ein deutscher Vorstoß mit Panzern durchbrach am nächsten Morgen die US-Frontlinie an mehreren Stellen, lief sich aber tot, nachdem etliche Panzer ausgeschaltet worden waren. So hatte auch Velden dem US-Vormarsch nichts mehr entgegenzusetzen und wurde eingenommen. Am Nachmittag erkundete ein starker US-Aufklärungstrupp die Gegend um Kirchenreinbach, weil es hieß, dorthin hätten sich 58 SS-Leute geflüchtet, die aus Neuhaus und Velden entkommen waren. Die GIs fanden aber nichts und übernachteten darauf in Holnstein.

Derweil rückte das 1. Bataillon des Regiments nach Hartenstein und Vorra vor und lieferte sich dort Kämpfe mit den Deutschen. Das 2. und 3. Bataillon zogen am 22. April in Sulzbach-Rosenberg ein, "befreiten dort mehr als 650 alliierte Gefangene und nahmen genauso viele Deutsche fest."

Am weitesten nach Osten

Danach waren Amberg und Burglengenfeld die nächsten Ziele der 71. US-Infanterie-Division. Am 27. April erreichte sie Regensburg. Weiter ging es an der Donau entlang, bis sie am 10. Mai 1945 bei Steyr an der Enns russischen Truppen die Hand reichten. Damit war sie der am weitesten ostwärts vorgestoßene US-Truppenteil.

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