Neuregelung der Bereitschaftsdienste stößt auf massive Kritik
Angriff auf Ärzte-Modell

Dr. Karl Schellenberger (rechts) übergab der Gesundheitsministerin eine dringende Resolution mit allen Fakten und bat um Überprüfung der Parameter durch die Experten des Ministeriums. Bild: Gebhardt
Politik
Sulzbach-Rosenberg
18.03.2018
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Es gärt gewaltig bei den Medizinern: Das perfekt funktionierende System der Bereitschaftsärzte Amberg-Sulzbach soll abgelöst werden durch eine Konstruktion der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern: eine Bereitschaftspraxis im Amberger Krankenhaus, ansonsten Fahrdienste durch diensthabende Ärzte in einem riesigen Gebiet.

Zwei Mediziner als Sprecher der Gruppen geißeln das KVB-Modell im Gespräch mit unserer Zeitung massiv. Sie sehen darin den Tod des Hausarzt-Systems. Und das ist noch nicht alles. Zum einen wirkten Bereitschaftspraxen quasi als "Staubsauger" für Krankenhäuser, an denen sie angesiedelt sind. Im Fall von Amberg sehen Dr. Karl Schellenberger und Matthias Grab ein abgekartetes Spiel mit dem dortigen Klinikum.

Nicht zukunftsfähig

Zum anderen werde das "Abwimmeln" von Anrufern beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (Ruf 116 117) zunehmen, weil viele Wege einfach zu weit seien. Die Folge: Immer mehr Menschen werden dann den Notarzt verständigen, Transporte mit Rettungswägen steigen. In Schwandorf, wo das umstrittene Modell angelaufen ist, sei das schon zu beobachten. Die Aussage der engagierten Mediziner: "Aus unserer Erfahrung und der täglichen Arbeit am Patienten vor Ort haben wir erhebliche Zweifel an der Zukunftsfähigkeit dieses Projektes."

Der Obmann beider Dienstgruppen AS01/02, Facharzt Matthias Grab aus Neukirchen, nimmt gegenüber unserer Zeitung Stellung zu dem Problem: "Vor mehr als vier Jahren hat die KV Bayern bereits zum ersten Mal unser Versorgungsgebiet vergrößert, was zu einer unerträglichen Mehrbelastung für die diensthabenden Kollegen geführt hat. Wir als Dienstgruppe haben daraufhin in Eigenregie die Gebiete halbiert und leistenfreiwillig mehr Dienste, um die Versorgung zu optimieren." In beiden Dienstgruppen sei durch die kürzeren Entfernungen zu den diensthabenden Arztpraxen zeitnahe Versorgung der Patienten möglich. "Wir gehen davon aus, dass diese Versorgungsqualität auf dem flachen Land in Bayern wohl einmalig ist", stellt Matthias Grab fest.

Probleme werden ignoriert

Alle Mitglieder hätten sich beim letzten Treffen einig darüber gezeigt, dass die von der KVB durchgeführte Einführung mit Bereitschaftspraxen und Fahrdiensten eine klare Verschlechterung der Situation für Patienten darstelle. Dadurch würden keine Niederlassungsanreize oder -möglichkeiten gesetzt, auch das Problem des ländlichen Ärztemangels nicht gelöst. Sein Vertreter Dr. Karl Schellenberger aus Sulzbach-Rosenberg nannte einige Gründe dafür: Durch Zusammenlegung der Regionen Amberg, Amberg-Sulzbach und Neumarkt wären erheblich größere Fahrstrecken zu bewältigen, die Patienten-Wartezeiten würden massiv steigen. "Berichte aus dem Bereich Schwandorf lassen die Problematik bereits erahnen, werden aber weitgehend ignoriert."

Etwa 60 Prozent der Allgemeinärzte in dieser großen gemeinsamen Region seien schon über 55 Jahre. Ab 62 entfalle deren Dienstverpflichtung, die Kassen-Sitze blieben aber besetzt. Jüngere Kollegen müssten die Dienste übernehmen. "Die versprochene Entlastung wird nicht einzuhalten sein", so Schellenberger. In der Region gebe es zudem kaum sogenannte Pool-Ärzte, viel zu wenig, um die Dienste zu übernehmen. Auch seien die fachlichen Qualifikationen der Pool-Ärzte mitunter zweifelhaft. Das Fazit der Mediziner samt Kollegen ist glasklar: "Wir halten grundsätzlich die Vergrößerung des Versorgungsgebietes und dramatische Verlängerung der Anfahrtswege zu zentralen Bereitschaftspraxen für den falschen Weg zur Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum."

In ganz Bayern werde das neue Bereitschaftsdienst-Konzept der KVB in vielen Regionen gegen den Widerstand der Ärzte durchgedrückt. Die KVB ignoriere die unmissverständliche Ablehnung durch viele Dienstgruppen. "Ohne jede erkennbare Not wird die Versorgung in großen Flächengebieten in unseren Augen dramatisch verschlechtert. Ab dem 27. November werden das die Menschen zu spüren bekommen", meint Grab.

Ministerin informiert

Deswegen bat die Dienstgruppe AS01/02 die aufsichtführenden Stellen im Gesundheitsministerium um kritische Betrachtung und Analyse der von der KVB gelieferten Daten und Konzepte sowie um Berücksichtigung der Stimmen der vor Ort tätigen Kollegen. Bei Übergabe der Resolution appellierte Schellenberger auch an Ministerin Melanie Huml (CSU), dringend dafür zu sorgen, dass in funktionierenden Gebieten keine Umsetzung der Fahrdienste gegen den Willen der dort tätigen Ärzteschaft erfolge. "Insbesondere bei Umsetzung der Bereitschaftspraxen müssen auch kleinere Krankenhäuser eingebunden werden." Kommentar/Zum Thema

Aus unserer Erfahrung und der täglichen Arbeit am Patienten vor Ort haben wir erhebliche Zweifel an der Zukunftsfähigkeit dieses Projektes.Dr. Karl Schellenberger
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