26.05.2017 - 17:16 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Mäh-Saison: Rehkitze sind jetzt stark gefährdet in den Wiesen Grausamer Tod unterm Messer

Der Anblick ist schrecklich: Ein schwer verletztes Rehkitz liegt im Gras, unfähig zu flüchten. Das Mähwerk des Landwirts hat es übel zugerichtet. Immer öfter klagen jetzt die Jäger über diese vielen Opfer, deren Leid nicht sein müsste. Denn es gibt viele Wege, diese Katastrophen zu vermeiden. Nur: Der Wille dazu muss eben da sein.

Beim aufmerksamen Suchen können viele Kitze vor dem Mähtod aus den Wiesen gerettet werden. Bilder: ge (2)
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Eine Wiese in einem Dorf nahe der Stadt Sulzbach-Rosenberg. Der Anrufer hat mitgeteilt, dass ein Reh verletzt sei. Als der Jäger eintrifft, entdeckt er am Rand der frisch gemähten Wiese etwas Grauenvolles: Das Kitz hat alle vier Läufe verloren, es ist nicht zu retten.

Wie konnte das passieren? Unsere Natur wird jedes Frühjahr zur Kinderstube. Von Mai bis Juni, wenn die Rehkitze geboren werden, erreicht die Brut- und Setzzeit ihren Höhepunkt. Gleichzeitig sind Mähmaschinen eine große Gefahr fürs Jungwild. Wenn die Wiesen schnittreif werden, wächst das Risiko für Rehkitze und Bodenbrüter, Opfer der ersten Wiesenmahd zu werden. Sie quälen sich oft lange mit schweren Verletzungen.

Appell an Landwirte

Die Ursache: Der günstigste Mahdtermin in der Futterwirtschaft fällt in den Zeitraum der Jungenaufzucht zahlreicher Wildtierarten. Die Jäger appellieren daher an die Landwirte zur Zusammenarbeit, um das Jungwild vor dem sicheren Mähtod zu retten. BJV-Präsident Prof. Dr. Jürgen Vocke fordert kürzlich in einer Verlautbarung: "Jeder Landwirt ist dazu verpflichtet, vor der Mahd seiner Wiese sicherzustellen, dass sich kein Wirbeltier in dieser befindet. Jäger helfen ihnen dabei." Es gebe viele Möglichkeiten, die Jungtiere zu schützen, zum Beispiel, wenn Mahdtermine rechtzeitig, sprich 24 Stunden vor dem Einsatz, dem Jagdpächter gemeldet werden, damit dieser die Wiesen nach Kitzen absuchen oder Wildscheuchen aufzustellen kann." Aber auch der Landwirt selbst könne mit der richtigen Mäh-Strategie, nämlich von innen nach außen, zur Rettung der Wildtiere beitragen (siehe Infokasten).

Sie fliehen nicht

Junge Feldhasen und Rehe, so informiert der BJV dazu, haben gegenüber ihren Fressfeinden eine besondere Strategie entwickelt: Wenn Gefahr droht, fliehen sie nicht, sondern ducken sich und verharren still, um nicht entdeckt zu werden. Dieses regungslose Verharren als Schutzstrategie wird den Jungtieren bei der Wiesenmahd mit schnellen und breiten Maschinen allerdings zur Todesfalle.

Jäger leisten jährlich freiwillig zahlreiche Stunden bei der Kitzrettung, loben die Vorsitzenden der hiesigen Kreisgruppen, Lore Kaiser (Sulzbach-Rosenberg) und Franz Erras (Amberg). "Durch ihr großes ehrenamtliches und finanzielles Engagement, sei es beim Absuchen von Wiesen, Aufstellen von Wildscheuchen oder Anbringen von verschiedenen optisch oder akustisch wirksamen Kitzrettern, können jedes Frühjahr Tausende Rehkitze in Bayern vor qualvollem Tod bewahrt werden."

Dabei benötigen die Grünröcke aber dringend die Zusammenarbeit mit den Landwirten vor Ort. Ein vielversprechender Lösungsansatz ist hier beispielsweise die Kitzrettung aus der Luft mit Infrarottechnik und Multicoptern, bei der sich der Bayerische Jagdverband seit Jahren aktiv engagiert.

Zu Fuß in die Wiese

Die Ricke legt ihr Kitz am Abend in der Wiese ab. Wird ihr das verleidet, durch Aufstellung von Scheuchen etwa, sucht sie einen anderen Ort. Das Absuchen der Wiesen zu Fuß vor der Mahd ist die gängigste Methode in unseren Breiten. Neben den Futterwiesen werden im Frühjahr auch häufig Weg- oder Feldrandstreifen gemäht. Dabei ist hier - anders als bei der Wiesenmahd zur Futtergewinnung - ein früher Schnittzeitpunkt gar nicht notwendig, meint der BJV. Mit praxiserprobten Mäh-Methoden könnten Wildtierverluste drastisch gesenkt werden. Entscheidender Einflussfaktor ist dabei beispielsweise die Schnitthöhe. Je höher der Schnitt, desto geringer sind Verluste bei sich drückenden Tieren und Bodenbrütern. Den größten Einfluss hat allerdings der Schnittzeitpunkt. Je später der Mahdtermin, desto geringer sind die Verluste. (Angemerkt)

Tipps für Landwirte

Um Wildtierverluste durch Mahd und Bewirtschaftung möglichst zu verhindern, empfiehlt der Bayerische Jagdverband folgende Maßnahmen:

Vorsorge: Melden des Mahdtermins 24 Stunden vor Anrücken der Mähwerke. Nur dann hat der Jagdpächter die Möglichkeit, Wildscheuchen, sogenannte "Kitzretter", aufzustellen und Wiesen nach Rehkitzen abzusuchen, um sie aus der Wiese zu tragen. Achtung: Jungtiere nicht anfassen!

Schnittzeitpunkt: Späte Schnitte, im Idealfall ab Mitte Juli, vermindern die Verluste von Wildtieren in der Brut- und Setzzeit beziehungsweise der Aufzuchtphase. Hierbei können die Landwirte für spätere Schnittzeitpunkte Förderungen über das Bayerische Vertragsnaturschutzprogramm erhalten.

Schnitthöhe: Je höher der Schnitt, desto geringer sind Verluste bei sich drückenden Tieren und Bodenbrütern.

Mahdstrategie: Mähen von Wiesen in Teilstücken, Randstreifen möglichst ungemäht lassen.

Mahdrichtung: Mahd der Wiese von innen nach außen bietet ausgewachsenen Wildtieren die Möglichkeit zur Flucht. (ge)

Zum Artikel "Für kleine Rehe kommt die Hilfe aus der Luft"

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