12.04.2018 - 15:44 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Nebenkriegsschauplätze" am Unglücksort Beschimpfungen längst gang und gäbe

Dass ihnen Schimpfwörter an den Kopf geworfen werden, ist keine Ausnahme mehr, sondern traurige Realität. Doch immer öfter werden auch Absperrungen an Unfallorten ignoriert. Jürgen Schloß, Kommandant der Rosenberger Feuerwehr, kennt solche Fälle - leider zur Genüge.

Anhaltekellen wie diese nutzt die Feuerwehr, um Unfallstellen abzusichern und für den Verkehr zu sperren. Doch immer häufiger sind Verkehrsteilnehmer absolut uneinsichtig, warum sie sich an die Anweisungen der Feuerwehr halten sollten. Bild: Hartl
von Kristina Sandig Kontakt Profil

"Wir hatten schon zwei Fälle, wo die Absperrung komplett ignoriert worden ist", sagt Schloß, der seit 1983 bei der Feuerwehr, seit 2000 Kommandant der Rosenberger ist und vor sieben Jahren noch das Amt eines Kreisbrandmeisters übernahm. Autofahrer stoppten selbst vor einem Feuerwehrmann, der absperrt, nicht. "Einmal war es beim Brand in Kropfersricht, da wurde der Feuerwehrmann richtig angefahren", sagt Schloss. "Doch da ist der Autofahrer an den Richtigen gekommen: Der Angefahrene ist nämlich Anwalt."

Ähnliches passierte nach einem Unfall in Poppenricht, bei dem ein Mensch zu Tode gekommen ist. Der betroffene Feuerwehrmann hatte Anzeige erstattet. "Da ist das Verfahren eingestellt worden, weil Aussage gegen Aussage stand", weiß Schloß.

Selbst Kälte oder nachtschlafende Zeit schreckten Schaulustige nicht ab. Schloß erinnert sich an einen Brand, bei dem Bewohner des gegenüberliegenden Häuserblocks im Schlafanzug oder Morgenmantel mitten in der Nacht auf dem Balkon standen, um die Rettungsarbeiten zu filmen. "Das war im März, da hatten wir um die null Grad."

Und nach einem schrecklichen Unfall bei Kropfersricht, bei dem drei Menschen ihr Leben verloren, sahen Angehörige der Fahrzeuginsassen sich schon via "soziale Medien" informiert, da hatte die Polizei noch nicht einmal die Todesnachricht überbracht. Die Problematik mit all denjenigen, die Einsatzkräfte oder deren Arbeit behindern, ist keine Frage des Alters. "Man sagt, dass Ältere klüger und weiser sind - hier aber gilt das nicht", sagt Schloß. Es seien sowohl ältere als auch jüngere Menschen, Frauen genauso wie Männer. "Das lässt sich überhaupt nicht eingrenzen."

Es sei inzwischen so, dass inzwischen bei Autobahn-Unfällen Polizisten an der Mittelleitplanke stehen, um all diejenigen, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind und Fotos oder Videos von der Unfallstelle machen, zu filmen. "Soweit sind wir schon gekommen", sagt Schloß. Eine Rettungsgasse zu bilden, das funktioniere nicht nur nicht auf der Autobahn. "Wir kommen inzwischen teilweise auf der B 85 nicht mehr durch", berichtet er. Dass den Feuerwehrleuten, aber nicht nur ihnen, sondern allen Rettungskräften Schimpfwörter an den Kopf geworfen werden, "das ist inzwischen schon gang und gäbe". Der Respekt vor den Einsatzkräften sei längst geschwunden, kritisiert er die Haltung vieler Menschen.

Inzwischen führe die Feuerwehr ballistische Westen auf ihren Fahrzeugen mit - schließlich könne man nie wissen, ob nicht bei einer Türöffnung jemand hinter der Tür steht, der ein Messer in der Hand hält. "Früher waren die Leute auch neugierig, aber sie konnten von dem, was sie sahen, nur erzählen. Heute kann man in Sekunden die ganze Welt teilhaben lassen am Leid anderer Menschen", erklärt Schloß, der schon erlebt hat, dass ein Mann seine Füße direkt an einem Defibrillator hatte, um ganz nah dran zu sein, als ein Mensch, der um sein Leben kämpfte, reanimiert wurde.

Kürzlich war der Kommandant auf einer Schulung an der Feuerwehrschule Geretsried. Dort bekamen die Teilnehmer einen Tipp: Gaffer, die zuvorderst dran sind, am Arm zu packen und aufzufordern, "langt's mal mit her." Das würde oftmals große Wirkung zeigen - denn: "Helfen will von denen keiner." Zum Thema

Heute kann man in wenigen Sekunden die ganze Welt teilhaben lassen am Leid anderer Menschen.Feuerwehr-Kommandant Jürgen Schloß

Die Rosenberger Feuerwehr hat nach Angaben ihres Kommandanten einen Sichtschutz angeschafft. Sie hofft, dass sie dadurch Schaulustigen den Blick auf ihre Arbeit am Unglücksort versperren kann. "Wir können uns vor den vielen Gaffern sonst nicht mehr retten", sagt Schloß. In Zukunft will die Feuerwehr, sofern es ihre personellen Ressourcen zulassen, auch mit einem Flatterband die Unfallstelle vor den Schaulustigen absichern. Das geschehe in Absprache mit der Polizei. Diese Maßnahme ermögliche es, den Leuten, die sich nicht an diese Absperrung halten, besser einen Platzverweis erteilen zu können. "Aber das ist natürlich sehr personalintensiv", gibt Schloß zu bedenken. Und schließlich könne die Absperrung mittels Flatterband erst erfolgen, wenn die Chaosphase, in der Opfer aus Fahrzeugen gerettet oder reanimiert werden müssen, vorbei und nach der Menschenrettung Zeit für diese Maßnahmen ist.

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