17.10.2017 - 20:10 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Nicole Grochowina, Schwester der Selbitzer Christusbruderschaft und promovierte Historikerin, ... Provokante These auf Prüfstand

Martin Luther war ab 1526 für den Fortgang der Reformation bedeutungslos! Wirklich? Dieser provozierenden These ging Schwester Nicole Grochowina in ihrem Vortrag im Gemeindesaal der Christuskirche nach.

Mit vielen historischen Details illustrierte Schwester Nicole Grochowina ihren Vortrag. Zum Beispiel: "Zwei Millionen Jahre Ablass war die Reliquiensammlung des Kurfürsten Friedrich wert!" Bild: gac
von Autor GACProfil

Jedes Jahr veranstaltet der Evangelische Männerbund Sulzbach im Oktober einen Vortrag zum Reformationsfest. Heuer lud erstmals auch die katholische Gemeinde St. Marien zu diesem somit ökumenischen Abend ein.

"Schauen wir, was war"

"Der Impuls für die Reformation ging 1517 von Martin Luther aus", stellte Dekan Karlhermann Schötz, Vorsitzender des Männerbundes, in seiner Begrüßung fest, "aber der Reformation haben sich durchaus Andere bemächtigt". Welche waren das? Grochowina, Schwester der Selbitzer Christus-Bruderschaft und promovierte Historikerin, sagte dazu: "Schauen wir darauf, was war." 350 mehr oder weniger selbstständige, reichsunmittelbare Territorien im Heiligen Römischen Reich, die Entstehung der zwei Weltreiche Spanien und Portugal innerhalb weniger Jahrzehnte, die Revolution der Informationstechnik durch den Buchdruck und der rasante Aufstieg der Geld- und Kreditwirtschaft - das waren die Randbedingungen für die Reformation. Nur durch den billigen Druck von Flugschriften konnte die deutsche Reformation (anders als die tschechische ein Jahrhundert zuvor) ein Weltereignis werden. Von 1521 bis 1525 gab es einen regelrechten "Flugschriftenkrieg".

Das Reich ging gerade durch eine Verfassungskrise: Die Fürsten rangen mit dem Kaiser um die Macht. Die Reformation eröffnete die Möglichkeit, sich vom Einfluss des Papstes und des Kaisers zu befreien. Friedrich der Weise, sächsischer Kurfürst, war einer der mächtigsten Reichsfürsten. Er verbot schon 1517 den Verkauf von Ablassbriefen - aber nicht, weil er den Ablass ablehnte, sondern weil er für die Besichtigung seiner eigenen Reliquiensammlung selbst Ablässe verkaufte!

Papst Leo X. wollte Friedrich zum Nachfolger des verstorbenen Kaisers Maximilian I. machen, und dass der den aufmüpfigen Theologen Martin Luther an seiner Universität in Wittenberg lehren ließ, spielte offensichtlich keine Rolle. Der Wormser Reichstag, auf dem Luther seine Lehren so eloquent verteidigte, endete mit dem "Wormser Edikt", das die Reichsacht über Luther und alle seine Anhänger verhängte. Aber nicht einmal in den Fürstbistümern wurde das Edikt umgesetzt - so konnte die Stadt Erfurt lutherisch bleiben, obwohl sie dem Bischof von Mainz unterstand.

Nur politisch ohne Macht

Dass diese Situation unhaltbar war, wurde schließlich 1526 auf dem Reichstag von Speyer offen eingestanden. Stattdessen führte man das landesherrliche Kirchenregiment ein, also die Regelung, dass die Bevölkerung eines Territoriums die Konfession des Landesherrn annehmen oder auswandern musste. In den evangelischen Ländern bedeutete das auch, dass der Landesherr gleichzeitig Kirchenoberhaupt war. Damit war Luther die kirchliche Ordnung in den lutherischen Gebieten aus der Hand genommen.

Ist er dadurch bedeutungslos geworden? Politisch vielleicht, aber theologisch war er weiterhin wirkmächtig. Einige der wichtigsten lutherischen Bekenntnisschriften, beispielsweise der Kleine Katechismus, entstanden in dieser Zeit. Uneingeschränkt richtig ist die Eingangsthese also nicht.

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