Ökumenischer Kleiderladen hilft seit 25 Jahren
Anker der Hoffnung

Suche erfolgreich, Kleidung gefunden, jetzt geht es an die Kasse. Aber die Damen des Kleiderladens helfen gerne und drücken auch mal ein Auge zu. Bilder: Gebhardt (3)
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
09.05.2017
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Christine Lier, Leiterin der Kleiderladens, und Pfarrer Roland Kurz, der Vorsitzende des Trägervereins, planen für den Herbst eine 25-Jahr-Feier.
 
Im Ökumenischen Kleiderladen geht die Arbeit nie aus, auch wenn der Andrang etwas nachgelassen hat - es reicht schon noch.

"Vier Euro, bitte!" Die Frau mit Kopftuch klappt die Geldbörse auf, fingert herum, findet die richtigen Münzen. Eine Riesen-Tüte mit Kindersachen hat sie erworben im Ökumenischen Kleiderladen. Der Andrang ist groß am Dienstag. Viele Menschen stöbern in den Textilien. Und die ehrenamtlichen Helferinnen beweisen Engelsgeduld.

Zehn Uhr, der Laden öffnet. Beim Streifzug durch die drei Stockwerke des Altbaus im Hinterhof überkommt einen fast Platzangst, so dicht hängen die Kleider, Hemden, Jacken, Hosen von den Eisenstangen an der Decke. Überall stöbern die Menschen nach passenden Stücken. Unten, an der Kasse, treffen sie sich alle wieder.

Anneliese Meier ist seit Jahrzehnten dabei, sie kennt die Kundschaft und weiß alle richtig zu nehmen. Die Sachen kosten zwischen einem und drei Euro, Flüchtlinge zahlen die Hälfte. Aber auch sonst herrscht viel Kulanz beim Personal. Die Kundschaft besteht aus vielen verschiedenen Einkaufstypen. Für Meier nichts Neues, für den Außenstehenden schon. Hochinteressant.

Das Flüchtlingspaar

Die junge, hochschwangere Frau trägt Jeans und ein Kopftuch, ihr Begleiter führt sie fürsorglich an der Hand. Nach einer Weile haben sie eine große Tüte mit Babysachen und einigen Geschirrteilen zusammengeklaubt. Das Ganze kostet zehn Euro, wird anstandslos bezahlt. "Habt ihr jetzt schon einen Kinderwagen?", erkundigt sich Meier bei den Neu-Sulzbachern. "Ja, in Hirschau bekommen!" Freundlich lächelnd verabschieden sich die beiden, ihre Augen strahlen.

Der Schacherer

Ein Mann mittleren Alters hat eine ganze Tüte voll mit Schuhen und Pullovern. Der ermittelte Preis: sechs Euro, Rabatt 50 Prozent, also drei Euro. Aber die will er nicht zahlen. Er nimmt einige Stücke aus der Tüte, will sie hierlassen und bietet zwei Euro für alles. Schließlich einigt er sich mit Anneliese Meier, zahlt und geht. "Danke" oder "Auf Wiedersehen" sagt er nicht. Auch das gibt es.

Die Hartz-IV-Frau

Sie ist Stammkundin, kommt jede Woche, ist gerne gesehen. Sie weiß genau, wo sie suchen muss, und findet schöne, durchaus noch tragbare Sachen. Auch sie zahlt gerne - wo kriegt man schon Jeans für drei Euro?

Die Flohmarkt-Expertin

Die Sulzbach-Rosenbergerin stöbert eben gerne, erzählt sie. Sie durchkämmt den Kleiderladen wie einen Flohmarkt, kauft ein paar wirklich schöne Stücke und meint beim Zahlen nur "Passt schon". Vorher hat sie noch einer anderen Frau mit 50 Cent ausgeholfen an der Kasse. Dann ist es 11 Uhr. "Wir machen zu!", ruft Meier, ihre Kolleginnen aus den oberen Stockwerken kommen runter, die letzten Kunden gehen durch den Hinterhof. Sie werden wiederkommen, denn der Kleiderladen ist für sie Supermarkt und Boutique zugleich, ein Anker der Hoffnung in finanziell knappen Zeiten. Um 15 Uhr macht er wieder auf. (Zum Thema )

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Weitere Informationen:

www.kleiderladen-sulzbach-rosenberg.de

Nichts geht verlorenDas Warenangebot umfasst neben einem vielfältigem Kleidungsangebot (vom Baby bis zu den Senioren) auch Bett- und Tischwäsche, Geschirr, Gläser, Besteck, Töpfe, Schuhe, Spielsachen,Kinderwagen, Bücher. Gelegentlich werden auch Fahrräder, Möbel etc. an Interessierte vermittelt.

Aktuell werden gesucht: Kinderwagen Kinderwiege oder Kinderbett Wippe Gehfrei Hochstuhl mehrere funktionstüchtige Nähmaschinen

Eingekauft kann man jeden Dienstag und Donnerstag, jeweils 10 bis 11 und 15 bis 16 Uhr. Anlieferung ist möglich Mittwoch von 8 bis 9 Uhr und Samstag von 10 bis 11 Uhr.

Nichts von den gespendeten Sachen geht verloren. Was im Kleiderladen selbst nicht verwertbar ist, wird mehrfach sortiert und geht in Krisengebiete. (ge)


Wechselvolle Geschichte seit dem Dachboden-StartAnlass zur Entstehung des ökumenischen Kleiderladens in seiner jetzigen Form war in den 90er Jahren die Ankunft von Asylbewerbern. Bereits vorher bestand in der katholischen Kirchengemeinde St. Marien am Pfarrplatz auf dem Dachboden der Familie Ertl, später am Pfarrplatz 3, eine erste Kleidersammelstelle.

Als dann 1991 eine hohe Zahl von Asylbewerbern in die Herzogstadt kam, halfen zunächst viele Bürger mit Kleidung, Fahrrädern oder Kinderwägen und gaben diese meist in der Unterkunft direkt ab. Doch die gerechte Verteilung war ein Problem: Es entstand die Idee der zentralen Einlieferung und geordneten Weitergabe. Nachdem die Kleidersammelstelle in der Pfarrgasse 3 wegen Umbau geräumt werden musste, wurden neue Räume gesucht.

Christine Lier erinnert sich: "Als erste Stelle fungierte ab 1. April 1991 die Brauhausgasse. Dort übernahmen ehrenamtliche Helferinnen aus St. Marien und Christuskirche sowie des Arbeitskreises Asyl die Betreuung des Kleiderladens. Die Abgabe an Bedürftige war kostenlos, die Miete von 50 Mark übernahmen die Sulzbacher Kirchengemeinden."

Doch das war noch nicht die Endstation: "Da das Haus geräumt wurde, fanden wir neue geeignete Räumlichkeiten ab 1. Dezember 1992 in der Frühlingstraße 12 - 100 Quadratmeter auf drei Etagen." Ab diesem Tag übernahmen die vier Sulzbach-Rosenberger Kirchengemeinden die Trägerschaft des ökumenischen Kleiderladens: die katholischen Kirchengemeinden St. Marien und Herz Jesu, die evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Christuskirche und St. Johannis. Der Vorsitz wechselt jährlich zwischen den Pfarrherren. 2017 hat ihn Pfarrer Roland Kurz, Christuskirche.

Dann, weiß Christine Lier, kam es zu einer besonderen Situation ab Sommer 2015: "Die vergleichsweise ruhige Zeit im Kleiderladen hatte plötzlich ein Ende, am 4./5. August kamen die ersten Flüchtlinge." Der Kleiderladen vereinbarte mit dem Landratsamt zusätzliche Öffnungszeiten, um den Bedarf zu decken. Als sich der Vorrat verringerte, stieß ein Aufruf für Kleiderspenden auf große Resonanz. "Unsere Arbeit hat sich seit Beginn der großen Fluchtwelle geändert: Es wurde jetzt bei jeder Öffnungszeit sehr stressig." Jeden Tag kamen rund 20 Flüchtlinge, die besonderen Betreuungs- und Beratungsbedarf hatten. Und die Verständigung war natürlich schwierig.

Noch heute gilt: Flüchtlinge bekommen grundsätzlich die Erstausstattung gegen Nachweis umsonst, danach zahlen sie den halben Preis. Mit der "Stammkundschaft" kam es häufiger zu aufreibenden Diskussionen. "Angst und Neid, dass Flüchtlinge bevorzugt werden, waren und sind leider weit verbreitet", erklärt die ehrenamtliche Helferin. Aber: Die Situation wurde gemeistert - "wir haben es geschafft!"(ge)
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