Per Smartphone Mahlzeiten spendieren
Essen heimlich bezahlt

Das Symbol der helfenden Hand weist teilnehmende Restaurants aus. Von links: Max Erras, Romy Kroneberg, Jürgen Kost und Thorsten Kost.
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
23.12.2016
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Im Restaurant essen? Für manche Menschen ist das viel zu teuer. Aber was wäre, wenn man sie heimlich einladen könnte? Mit Dignitos kein Problem. Die App will Hunger stillen.

Ein Geschwister-Trio aus Neustadt/WN erfand das Konzept vor etwa zwei Jahren. Mittlerweile machen 45 Cafés und Restaurants in Deutschland, Österreich und in der Türkei mit. Vor kurzem kam die Pizzeria Calabrese in Sulzbach-Rosenberg dazu.

"Ohne großes Aufsehen"

Bei Geschäftsführerin Romy Kroneberg hat auch schon jemand von Dignitos-Geld gegessen. Wie das funktioniert? "Er kommt einfach rein und informiert uns kurz vorher." Die Abrechnung erfolge separat über Dignitos. Der Gast müsse lediglich die Rechnung unterschreiben, "ohne großes Aufsehen". Ob man sich auch sicher sein kann, dass derjenige wirklich arm ist? "Da gibt es so einen Satz eines Gastwirts", meint der Sulzbach-Rosenberger Rechtsanwalt Max Erras, juristischer Beistand von Dignitos: "Wie könnte ich Gastwirt sein, wenn ich meine Leute nicht einschätzen könnte?"

Missbrauch sei überall ein Thema - auch beim Schwarzfahren. Seine Definition von arm laute: "Bedürftig ist der, der sich als bedürftig sieht." Mittlerweile gebe es viele nette Anekdoten, die sich um Dignitos ranken. Beispielsweise die Geschichte eines Rentners, der sich das erste Mal seit Jahren wieder an einen gedeckten Tisch gesetzt habe. Oder der junge Mann, der sich das billigste Gericht von der Karte ausgesucht habe.

"Bisher gingen knapp 1000 Essen raus", sagt Erras. Knapp 30 Euro liegen an diesem Abend im virtuellen Topf der Pizzeria Calabrese. Romy Kronebergs Handy zeigt den Stand an. Ist die Summe aufgebraucht, könne noch der "Welt-Topf" angezapft werden. Wie viel sich derzeit dort angesammelt hat, möchten die Initiatoren Silke, Thorsten und Jürgen Kost, nicht verraten.

Aber: "Wir sind ein Non-Profit-Unternehmen", so Jürgen Kost. Die Geschwister seien fasziniert von der Idee gewesen, sich per Smartphone Dinge zu teilen wie Räder oder Autos. "Wir hatten deshalb den Gedanken, jemanden zum Essen einzuladen, der es sich selbst nicht leisten kann. Und wenn mir ein Gedanke in den Kopf kommt, dann lässt er mich nicht mehr los." Der Betrag, der gespendet werden kann, lässt sich vom Anwender frei auswählen und wird über Paypal bezahlt. Auch Ein-Cent-Spenden sind möglich.

Schild weist den Weg

Wer mit der App gar nichts zu tun hat, ist der Bedürftige. Ein Schild, das eine helfende Hand mit dem Buchstaben "D" zeigt, informiert am Eingang eines Restaurants über die Mitgliedschaft. Nur wenn eine Gaststätte auch bei Dignitos registriert ist, kann auch dort "auf Rechnung" gegessen werden. "Uns geht es weniger um die Obdachlosen, sondern um Leute, die vielleicht auch unverschuldet und kurzfristig in finanziellen Nöten sind, oder um die versteckte Armut", beschreibt Jürgen Kost die Klientel. Für Silke Kost ist die Inanspruchnahme von Dignitos "ein Weg zurück in die Gesellschaft, ein Instrument der Hilfsbereitschaft für den normalen Alltag".

Versteckte Armut

Der Schnaittenbacher Thomas Reiss kennt die Schere zwischen arm und reich nur zu gut. Bis 2012 war er selbst Unternehmer - bis zur Insolvenz. Jetzt arbeitet er als Berufskraftfahrer. "Von 1045 Euro netto muss ich meinen Lebensunterhalt bestreiten. Den Rest bekommt der Insolvenzverwalter." Ein Restaurantbesuch ist in der Regel bei dem 35-Jährigen nicht drin. Mit Dignitos kehrt für ihn ein kleines Stück Lebensqualität zurück.

"Und ich habe etwas gesucht, wofür ich regional spenden kann", sagt Marc Schweinshaupt aus Münchberg in Oberfranken. Der 31-Jährige suchte sich eine Schwimmbadgaststätte in seinem Ort aus, um einem Fremden eine Mahlzeit zu spendieren. Auch das geht. "Wenn davon jemand anonym was essen kann, umso besser", freut sich der Lehrer.

Früher hatte ich immer genügend Geld zur Verfügung. Mit der Insolvenz war das anders.Thomas Reiss aus Schnaittenbach aß bereits von Dignitos-Geld


Wer macht mit?Sulzbach-Rosenberg

Lui Burger Pizzeria Calabrese

Amberg

Lui Burger Beanery Jörgis Wirtshaus Kupferpfandl


Ich habe etwas gesucht, wofür ich regional spenden kann. Bei Dignitos habe ich mir dann ein Restaurant ausgesucht.Marc Schweinshaupt (31) aus Münchberg


Bedürftig ist der, der sich als bedürftig sieht.Rechtsanwalt Max Erras
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