06.04.2018 - 20:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Vortragsabend im Krankenhaus über Cannabis Cannabis scheidet die Geister

Seit gut einem Jahr gibt es Cannabis auf Rezept. Viele Menschen sehen das als Segen, andere sind skeptisch. Die Frage heißt: Ist Cannabis ein billiger Rausch mittels Joint auf Kosten der Krankenkassen, oder ist es ein wirksames Medikament?

Apothekerin Barbara Maisch (links) und Christof Gofferjé von der Apotheke in der Fröschau sprechen über Cannabis auf Rezept. Bild: hka
von Helga KammProfil

Darum ging es einem Vortragsabend im Krankenhaus, veranstaltet von der Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz. Deren Leiterin Maria Boßle ist selbst eine Betroffene und weiß: "Das Reden unter Gleichgesinnten tut gut." Viele Schmerzpatienten, die aus Stadt, Landkreis und darüber hinaus ins St.-Anna-Krankenhaus gekommen waren, hatten Fragen, die sie zwei Experten stellten - der Apothekerin Barbara Maisch und ihrem Mitarbeiter Christof Gofferjé von der Apotheke in der Fröschau.

"Keine Horror-Droge"

Was ist nun dieses Hanfgewächs Cannabis, das schon im dritten Jahrtausend vor Christus in der Medizin verwendet wurde? "Es scheidet die Geister", sagt die Apothekerin, "aber das Genussmittel und die Medizin sind strikt zu trennen". Als Genussmittel sei die Droge verboten, in der Medizin aber Schmerzlinderung und Hoffnung für viele schwerkranke Patienten, für die es keine Therapie-Alternativen gibt. Auch dürfe Cannabis nicht mit Morphium und Heroin in einen Topf geworden werden. Es sei keine Horror-Droge, wenngleich sie wie Alkohol und Nikotin Gesundheitsschäden verursachen könne. Insbesondere Kinder und Jugendliche seien dadurch von Entwicklungsstörungen des Gehirns betroffen.

Cannabis - verwendet werden getrocknete Harze aus den Drüsen und blütennahen Blättern der weiblichen Pflanze - enthält verschiedene Wirkstoffe. Sorten mit viel Tetrahydrocannabinol (THC) wirken mehr halluzinogen (high-Gefühl), schlaffördernd, entspannend und schmerzlindernd. Sorten mit reinem Cannabidiol (CBD) sind beruhigend, schmerzlindernd und krampflösend. Die meisten Wirkungen gehen vom CBD-Anteil aus. Nur die Apotheken, nicht aber Internet-Firmen, so Christof Gofferjé, können den genauen Wirkstoffgehalt garantieren und als Heilmittel bestimmten Krankheiten zuordnen. Der Import der Droge erfolge bisher aus den Niederlanden, wo es teilweise bei einzelnen Sorten zu Lieferengpässen wegen des Zolls kommt. Für Schwerkranke sei dies ein großes Problem. In Deutschland werde unter staatlicher Kontrolle eine Cannabis-Agentur aufgebaut, wegen komplizierter Vergabe-Modalitäten sei aber mit einer Ernte nicht vor Ende 2019 zu rechnen. Das bedeute einen Wegfall der Zollgebühren und damit eine Senkung der Kosten.

Für die Verordnung von Cannabis-Präparaten bedarf es einer Genehmigung durch die Krankenkassen. Dr. Sabine Morgenschweis, niedergelassene Ärztin in der Stadt, brachte ihre Erfahrungen dazu ein. Von 12 000 Anträgen im vergangenen Jahr seien rund die Hälfte genehmigt. Die Wartezeit betrage mehrere Wochen - für die Schwerkranken ein großes Problem. Tipps, um die Genehmigung zu erleichtern, steuerte Barbara Maisch bei: "Alles, was man hat, zammkratzn", riet sie, von der ausführlichen Diagnose über Facharzt-Besuche und Klinikaufenthalte bis zu der Schilderung von Verbesserungen durch auf eigene Kosten durchgeführte Therapien. Bei Ablehnung eines Antrages, so Maria Boßle, sei die Deutsche Schmerzliga zur Hilfe bereit, könne vielleicht etwas bewirken.

Wenige Ärzte machen mit

Trotz allem: "Cannabis ist nicht das Allheilmittel, das alles richtet", dämpfte die Apothekerin die oft übertriebenen Erwartungen der Patienten. Dazu komme, dass nur acht Prozent aller Ärzte in Bayern bisher bereit seien, Anträge zu stellen, Rezepte zu verordnen, obwohl jeder Arzt das dürfe, so Dr. Sabine Morgenschweis. Über die Gründe wurde an diesem Abend vermutet: viel Zeitaufwand, Unwissenheit, fehlender Wille zur Aufklärung und der Kommentar "Mit Drogen will ich nichts zu tun haben". Ein Fortschritt aber sei jetzt immerhin die Unterstützung der Patienten durch die Krankenkassen.

Ein wenig schnuppern in - natürlich leeren - Cannabis-Dosen, die unterschiedlichen Anwendungsrezepte von Tee mit Sahne oder Inhalieren mittels Verdampfer (der teilweise von den Krankenkassen erstattet wird), die Hinweise, wie ein Rezept richtig ausgefüllt werden muss: All das wurde erfragt. Dem Fazit, dass der Missbrauch eines Stoffs als Genussmittel kein Grund dafür ist, ihn nicht als Medizin einzusetzen, stimmten sicher all die Schmerzpatienten in Maria Boßles Gruppe zu.

Cannabis ist nicht das Allheilmittel, das alles richtet.Apothekerin Barbara Maisch

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp