23.02.2018 - 12:12 Uhr
Sulzbach-Rosenberg

Wie sich die passionierte Musikerin aus Sulzbach-Rosenberg nicht unterkriegen lässt Maria pfeift auf den Schmerz

Zu ihrem Leben gehören zwei Dinge: die Musik und der Schmerz. Sie spielt mehrere Instrumente und braucht immer wieder Krücken. Dass man mit Humor und Lebensfreude beides kombinieren kann, beweist Maria Boßle immer dann, wenn sie auf ihrer Krücke Musik macht.

Die Sulzbach-Rosenbergerin Maria Boßle hat in Regensburg Kirchenmusik studiert. Dort lernte die 59-Jährige auch das Orgel-Spiel. Bilder: hka (3)
von Helga KammProfil

Beinahe jeder kennt sie in der Herzogstadt, denn sie "tanzt auf vielen Hochzeiten". Wobei das Tanzen für Maria Boßle ein Problem wäre angesichts der Krankheit, mit der sie seit über fünfzig Jahren leben muss. Wenn es nicht der Rollstuhl wäre, mit dem man sie hin und wieder sieht, oder die Krücken, die dann und wann zum Einsatz kommen, würde man ihr diese Krankheitsgeschichte nicht abnehmen. Denn mit viel Energie und noch mehr Lebensfreude bekämpft sie den Schmerz. Ja, sie pfeift geradezu auf ihn.

Vor bald sechzig Jahren in Weiden geboren, ist Maria mit fünf Brüdern aufgewachsen. "Wir sind sechs Buben, einer davon ist ein Mädchen", habe es bei den Brüdern Lahm geheißen. Alle haben sie die Gene des Egerländer Vaters geerbt, indem sie die Musik zu ihrem Beruf oder zumindest zum Hobby gemacht haben. In Weiden waren sie stadtbekannt, gaben zahlreiche Konzerte. Das letzte gemeinsame aller sechs Geschwister fand 1981 statt, das erste Annaberg-Konzert dieser heute alle Jahre beliebten Konzertreihe. "Wenn sich unsere Wege auch getrennt haben, ab und zu kommen einige von uns zusammen und musizieren in verschiedenen Formationen", freut sich die Sulzbach-Rosenberger Schwester.

Stimme vom Vater

Die Mutter, so erinnert sich Maria, habe zwar kein Instrument gespielt, aber die "erste Geige" in der Familie. Der Vater sei ein hervorragender Zitherspieler gewesen und habe schön gesungen. "Die Stimme hat er wohl an mich weitergegeben", vermutet Maria. Seit Jahren bereichert ihr reiner Sopran Konzerte und Messen. Im Alter von zwölf Jahren sei durch das Luxieren (Verrutschen) der Kniescheibe ihre Krankheit deutlich sichtbar geworden, schildert Maria ihre Geschichte. "Das Ehlers-Danlos-Syndrom ist eine sehr seltene, genetisch bedingte Erkrankung des Bindegewebes und schädigt Gefäße, Muskeln, Sehnen und innere Organe." Mit 16 ist sie zum ersten Mal operiert worden, weitere Eingriffe folgten, mehr als dreißig sind es bisher. Über Jahrzehnte hinweg war der Schmerz ihr ständiger Begleiter, besiegen ließ sie sich davon nicht.

Sie studierte in Regensburg Kirchenmusik, lernte das Orgeln, Klavier- und Querflöte spielen und das Trompeten. Nach dem Studium war sie die jüngste hauptberufliche Chorregentin in der Diözese Regensburg. Sie machte eine Zusatzausbildung zur Klavierlehrerin und für Gesang. Während des Studiums lernte sie Benedikt Boßle kennen. Sie heirateten 1979 und sie folgte ihm nach Sulzbach-Rosenberg. Sie teilten sich die Aufgaben: Er als Musiklehrer am Gymnasium, als Chorregent in St. Marien, sie als Kirchenmusikerin. Sohn Johannes kam im Dezember 1981 zur Welt, 1985 übernahm Benedikt die Leitung der Berufsfachschule für Musik.

Marias Tage und Wochen fanden in diesen Jahren immer wieder in Kliniken statt. Man kannte sie in München in der Orthopädischen Poliklinik, wo immer wieder Operationen notwendig waren. Man liebte sie, denn bei all dem Elend war sie der Sonnenschein unter den Patienten. Dass sie auf die Idee kam, ihre Krücke wie eine Flöte zum Klingen zu bringen, ging wie ein Lauffeuer durch das Haus. Das Geburtstagsständchen, das sie ihrem Klinik-Professor auf der Krücke blies, wurde auf Video für folgende Studentenjahrgänge festgehalten. Aber auch daheim in der Oberpfalz kommt dieses "Instrument" immer wieder zum Einsatz. Zum Vergnügen vieler Freunde der "Musikerin".

"Nicht unterkriegen lassen" war und ist Marias Motto. Sie hat gelernt, mit dem Schmerz umzugehen und ihn zu kontrollieren. "Das geht mithilfe einer Kombination aus Medikamenten und achtsamer Körpertherapie, der Funktionellen Entspannung" erklärt sie. Das Ziel dabei sei nicht, den Schmerz auf Null zu senken, sondern "ja zum Leben zu sagen und trotz Krankheit und Schmerzen ein frohes und reiches Leben zu leben". Aus dieser Erkenntnis heraus und um Leidensgenossen zu helfen, entschied sich Maria mit Unterstützung der Deutschen Schmerzliga im Jahr 2003 eine Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz ins Leben zu rufen. Seitdem kommen Frauen und Männer aus dem gesamten Umland zu den regelmäßigen Treffen im St.-Anna-Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg. Sie tauschen Erfahrungen aus, holen sich Rat und hören Fachvorträge von Ärzten, Therapeuten und Juristen. "Dass sich mein langer Kampf gelohnt hat und nun im Amberger Klinikum eine Schmerzambulanz eingerichtet wurde, ist ein großer Erfolg", freut sie sich.

Mit Rolli durch die Stadt

Auch um dieses Engagement auf solide Beine zu stellen, ist Maria Boßle in die Kommunalpolitik gegangen. Seit 2002 gehört sie der CSU-Stadtratsfraktion in Sulzbach-Rosenberg an. "Nach vielen Monaten im Rollstuhl habe ich erst gesehen, was da in meiner Stadt alles nicht geht." Kurz entschlossen organisierte sie für ein Dutzend ihrer Stadtratskollegen Rollis und ließ sie damit durch die Stadt fahren. "Vom Storg bis zum Rathaus haben sie sich über das Kopfsteinpflaster gekämpft und vor Gehsteigen kapituliert." Seitdem, so die Kämpferin, habe sich einiges verbessert, "aber zum Beispiel am Haus für Bürgerdienste gibt es halt immer noch nur eine Treppe".

Noch in diesem Frühjahr wird Maria 60. Ruhiger wird ihr Leben deshalb sicher nicht. "Meine wohldosierte Arbeit macht mir einfach zu viel Spaß", sagt sie. Da sind die Frauen und Männer der "Blechbläsergruppe Sankt Marien", mit denen sie seit 1983 probt und bei Kirchenfesten auftritt, die Ausbildung der Nachwuchsbläser, ihr Engagement beim Bergknappenorchester, ihr Singen und Musizieren bei vielen öffentlichen und privaten Anlässen. Und noch ein spätes Talent hat sie an sich entdeckt: das Zeichnen und die Kalligraphie. "Die Kunst zu leben besteht darin, im Regen zu tanzen, anstatt auf die Sonne zu warten", hat sie auf eines ihrer Bilder geschrieben - das Motto ihres Lebens.

Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz

Die Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz, den Maria Boßle ins Leben gerufen hat, ist ein Zusammenschluss von Menschen, die vor "ihren Problemen nicht kapitulieren wollen", heißt es auf der Website (http://shgchronschmerzsuro.jimdo.com).

In der Gruppe verstehe man, wovon Betroffene reden, weil sie täglich Gleiches oder Ähnliches erfahren. Ziel sei es, sich gegenseitig zu ermutigen und neue Ansätze zu finden. Die Treffen finden stets am 1. Mittwoch im Monat im St.-Anna- Krankenhaus statt. (hka)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.