07.03.2017 - 17:04 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Fraunhofer Umsicht erhält Großauftrag aus Kuwait Oberpfälzer Know-How für den Wüstenstaat

Fraunhofer Umsicht wird in der arabischen Welt tätig. Für das Emirat Kuwait erstellt das Institut einen Abfallwirtschaftsplan. Das Projekt läuft vier Jahre, das Volumen des Großauftrags beläuft sich auf 18 Millionen Euro.

Dr. Lorenz Kaiser (links), Direktor F&E-Verträge und IPR Fraunhofer-Zentrale, und Scheich Abdulla Ahmad Alhmoud AlSubah, General Manager der Environment Public Authority Kuwait, unterzeichneten die Verträge für den Großauftrag im Emirat. Bild: Kuwait Environment Public Authority
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Nach Angaben von Dr. Matthias Franke, Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft am Standort Sulzbach-Rosenberg von Fraunhofer Umsicht, hatten sich erste Kontakte bereits 2014 ergeben, bei der Umwelttechnikmesse in München. "Die letzten zweieinhalb Jahre haben wir genutzt, um ein Konzept zu erstellen und die vertraglichen Rahmenbedingungen auszuhandeln." Grundsätzlich geht es um einen Abfallwirtschaftsplan für den am persischen Golf liegenden Staat.

Gespräche mit Akteuren

"In vielen Ländern der Welt ist die Abfallwirtschaft nicht so geordnet wie in Deutschland", erklärt Franke. Doch hierzulande war das auch nicht immer so. "Bei uns war es bis 2005 noch zulässig, Abfälle ohne jegliche Vorbehandlung auf Deponien zu lagern." Mitnichten gehe es darum, mit dem Finger auf Kuwait zu zeigen. Franke rechnet es dem Staat hoch an, dass er Handlungsbedarf sieht und Fortschritte im Bereich des Umweltschutzes und der Abfallwirtschaft erzielen möchte.

"Für unser Institut ist das der erste Auftrag in der arabischen Welt", bei der Fraunhofer-Gesellschaft hingegen habe es durchaus schon kleinere Projekte in arabischen Staaten gegeben. Die Freude über das 18-Millionen-Projekt ist deshalb sehr groß. Im Moment seien Mitarbeiter vor Ort, um Interviews mit den an der Abfallwirtschaft beteiligten Akteuren zu führen - von Ministerien und Behörden über Transporteure bis hin zu Betreibern von Deponien. Sie alle waren laut Dr. Matthias Franke bereits zu einem großen Workshop eingeladen. "Da ging es darum, Informationen und Daten zu sammeln", sagt Franke über den ersten Schritt, bei dem eruiert wird, wie das Prozedere in Kuwait ist, also wie beispielsweise Abfälle gesammelt und deponiert werden.

Die Abfallwirtschaft in dem Wüstenstaat, der etwa so groß ist wie Schleswig-Holstein, ist sowohl staatlich als auch privat organisiert. Danach geht es darum, Konzepte zu entwickeln, unter anderem solche, wie aus Abfällen die Wertstoffe zurückgewonnen werden können oder wie sich mit ihnen Energie durch Verbrennung erzeugen lässt. "Daran ist Kuwait sehr interessiert", erklärt Franke. Ein geänderter Umgang mit Abfällen ist auch in Deutschland noch relativ jung. "Wir haben bundesweit noch über 100 000 Altdeponien, allein in Bayern sind es noch über 11 000", führt Franke aus. "Wir haben das lange genug auch selber so gemacht." Er freut sich, dass Kuwait auf Nachhaltigkeit setzen will. "Es ist schön, dass wir diese Strategie mitgestalten dürfen." Das Konzept müsse auch zum Land und zu den dortigen Rahmenbedingungen passen, macht Franke deutlich. Das Klima spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Der Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft bringt als Beispiel die Abdichtung von Deponien. In Kuwait, wo es kaum regnet, wäre es unheimlich schwierig, eine bewachsene und begrünte Deponie hinzukriegen.

Angesichts der extrem heißen Sommer am Persischen Golf müsse man auch einen anderen Abfuhr-Rhythmus haben als in Deutschland, "sonst fangen die Abfälle innerhalb kürzester Zeit zu gären an". Die Experten von Fraunhofer Umsicht werden auch einen Blick auf die Industriestruktur werfen, die in Kuwait sehr stark vom Erdöl geprägt ist. "Da fallen ganz andere Abfälle an."

Fahrplan für rund 20 Jahre

Das Projekt läuft vier Jahre, erklärt Franke, der zwischenzeitlich sieben bis acht Mal jeweils rund eine Woche in Kuwait war. Der Abfallwirtschaftsplan sei in erster Linie ein Fahrplan für die nächsten 20 Jahre. "Wir würden uns natürlich freuen, wenn wir auch in die Umsetzung eingebunden wären." Entsprechende Signale dafür seien aus dem Emirat durchaus schon gekommen: "Sie haben uns darauf hingewiesen, dass sie schon längerfristig mit uns planen."

Bei uns war es bis 2005 auch noch zulässig, Abfälle ohne jegliche Vorbehandlung auf Deponien zu lagern.Dr. Matthias Franke

Vier Projektschritte

Das 18-Millionen-Euro-Projekt von Fraunhofer Umsicht in Kuwait umfasst vier Projektschritte.

Erste Bestandsaufnahme

Bei der Untersuchung der Situation wird eine umfassende Bestandsaufnahme und Erhebung von Primärdaten vorgenommen. Neben Siedlungsabfällen werden Gewerbe- und Industrieabfälle, Krankenhausabfälle, Industrieabwässer sowie Klärschlämme bezüglich Aufkommen, Zusammensetzung, Anfallstellen und Entsorgungswegen untersucht. Die Wissenschaftler eruieren Abfallmengen und deren Zusammensetzung, die Wege der Abfälle und den Zustand der Deponien.

Deponien unter der Lupe

Erkundet werden die Deponien hinsichtlich Ausdehnung, Zusammensetzung und Gefährdungspotenzial für Mensch und Umwelt. Dieser Schritt umfasst Bohrungen, Einrichtung von Gas-, Sickerwasser- und Grundwassermessstellen, geophysikalische Untersuchungen und die Entnahme von Abfallproben.

Geoinformationssystem

Entwickelt wird ein webbasiertes, interaktives Geoinformationssystem (Environmental Monitoring Information System of Kuwait), das individualisierte Situationsanalysen, graphische Datenauswertungen und Lokalisierungen (Abfallerzeuger, Abfallbehandlungsanlagen, Deponien) ermöglicht. Online eingespeist werden Daten verschiedener Analysesysteme wie in Echtzeit erfasste Geruchsemissionen im Umfeld von Deponien und Behandlungsanlagen. Die Erstellung der Datenbank, welche die Abfälle und Deponien zeigt, ist die Hauptaufgabe des Projektes. Das Monitoring-System soll überschrittene Grenzwerte anzeigen oder den Weg des Abfalls visuell nachvollziehbar machen.

Nationaler Plan

Letzter Schritt ist ein nationaler Abfallwirtschaftsplan. Der bestehende Rechtsrahmen des Landes wird weiterentwickelt und ein Finanzierungsmodell zur Umsetzung des Abfallwirtschaftsplans geschaffen. In einer Roadmap werden abfallwirtschaftliche Ziele, Indikatoren und Maßnahmen zur Umsetzung von Abfallvermeidungs- und -verwertungsmaßnahmen und zur Sanierung der Deponien für die nächsten 20 Jahre festgelegt. (san)

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