27.09.2017 - 11:30 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Fraunhofer-Umsicht und seine Projekte in England Brexit als Turbo

Auf dem Weg zur "Energy Capital" lässt sich die englische Stadt Birmingham von Forschern aus der Oberpfalz lotsen. Die Zusammenarbeit zwischen Fraunhofer-Umsicht in Sulzbach-Rosenberg und den Briten hat neuen Schwung erhalten, trotz - oder besser - wegen des Brexits.

Professor Dr. Andreas Hornung leitet das Fraunhofer-Umsicht-Institut in Sulzbach-Rosenberg. In Birmingham setzt er für die dortige Universität das Millionen-Projekt "Energy Capital" um. Bild: University of Birmingham/John James
von Uli Piehler Kontakt Profil

Birmingham zählt knapp 1,1 Millionen Einwohner. Seit sich die Region West Midlands das Ziel gesetzt hat, "Energy Capital" des Vereinigten Königreiches zu werden, glühen die Drähte Richtung Oberpfalz. "Unsere Einrichtung ist ein zentraler Bestandteil des Konzepts der Briten", erklärt Professor Andreas Hornung, Leiter des Fraunhofer-Umsicht-Instituts in Sulzbach-Rosenberg.

Im Südosten der englischen Millionenstadt, etwa auf halber Strecke zwischen Zentrum und Flughafen, liegt der Tyseley Energy Park, eine Industriebrache, die nach und nach zu einem Demonstrationsort für verschiedene Abfalltechnologien ausgebaut werden soll. "Die Stadt hat sich zum Ziel gesetzt, möglichste viele organische Rückstände wiederzuverwerten", erklärt Professor Hornung. Das Vorhaben ist gigantisch: Bis zu 200 Millionen britische Pfund (226 Millionen Euro) steuert die öffentliche Hand alles in allem zum Modellprojekt bei.

Austausch im Visier

Als Professor für Bioenergie in Birmingham ist Hornung einer der führenden Köpfe des Vorhabens. Und als Leiter des Fraunhofer-Umsicht-Instituts bringt er die Oberpfälzer ins Spiel.

Mittlerweile steht in Mittelengland ein in Sulzbach-Rosenberg entwickelter Reaktor, mit dem aus Biomasse hochwertige Kohle hergestellt werden kann (www.onetz.de/1705282). Weitere solche Bio-Kraftwerke aus Sulzbacher Produktion und einige kluge Köpfe, die dahinter stehen, sollen folgen. "Unser Ziel ist es, zehn der führenden Mitarbeiter von hier als Lehrende an die Universität von Birmingham zu bringen", erklärt Hornung. Umgekehrt sollen zehn bis 20 Studenten aus England ans Institut nach Sulzbach-Rosenberg kommen.

"Der Vorteil für Fraunhofer-Umsicht liegt im Wissenstransfer. Wir können in Birmingham Grundlagenforschung betreiben und neue Ressourcen erschließen", erklärt der Institutsleiter. Ob sich der Brexit negativ auf die Kooperation auswirkt? "Im Gegenteil", erklärt er. Letztendlich habe die Entscheidung zum Austritt Großbritanniens aus der EU für die britischen Partner den Ausschlag gegeben, das Projekt zu forcieren. "Die Universität Birmingham wollte die Zusammenarbeit vertraglich unter Dach und Fach bringen, bevor es 2019 zum Brexit kommt."

Und so setzten Hornung und seine Partner heuer im Frühjahr ihre Unterschrift unter den Vertrag zur Gründung einer gemeinsamen Forschungsplattform zwischen dem Birmingham Energy Institute und dem Fraunhofer-Institut. Auch die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden sitzt mit im Boot.

Auch nach Kanada

Nachteile erwartet der Professor für das Projekt auch nach dem Brexit nicht. Der Austritt aus der EU bedeute keineswegs, dass Großbritannien automatisch sämtliche Verbindungen zum Kontinent kappt und gemeinsame Projekte stoppt. Die Briten würden vermutlich vielmehr versuchen, erfolgreiche Kooperationen auszubauen, um im internationalen Wettbewerb Nachteile zu vermeiden. Läuft alles glatt, könnte es in vier oder fünf Jahren ein eigenes Fraunhofer-Center in Birmingham geben. Das wäre der Ritterschlag für die Sulzbach-Rosenberger Einrichtung, als Keimzelle dieser Entwicklung.

Der Reaktor aus Sulzbach-Rosenberg, mit dem aus Biomasse Kohle hergestellt werden kann, stößt übrigens nicht nur in England auf Interesse, sondern auch in Kanada. Um die Technologie dort zu vermarkten, gründete Hornung im vergangenen Jahr ein Spin-off-Unternehmen in Kanada. Bei einer Bioenergie-Messe in British Columbia stellte Hornung den Reaktor einem Fachpublikum vor. "Wir sind mit dem ersten Messeauftritt in Kanada sehr zufrieden. Die Nachfrage war groß", berichtete Bruce Hillen, Geschäftsführer der Fraunhofer-Ausgründung. Interessenten aus Italien und der Schweiz klopfen bereits an die Tür.

___

Weitere Informationen:

https://www.whhl.co.uk/tyseley-energy-park

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.