14.04.2017 - 11:42 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Vor 30 Jahren meldete die Maxhütte Konkurs an „Depression in Perfektion“

Neun Stunden Betriebsversammlung, von 14 bis 23 Uhr. 2500 Teilnehmer protestierten am Mittwoch vor Ostern 1987 gegen 104 Kündigungen. Der Vorstand der Maxhütte versicherte, es werde vorerst keinen Personalabbau geben. Der österliche Friede sollte keine 24 Stunden halten.

Die Sorge um ihre Arbeitsplätze bei der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg trieb Tausende auf die Straße. Vor genau 30 Jahren, am 16. April 1987, war der Konzern zum ersten Mal zahlungsunfähig. Bild: Archiv NT/AZ
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Vor 30 Jahren, am 16. April 1987, dem Gründonnerstag, meldete die Maxhütte Konkurs an. Um 16 Uhr machte der Vorstand der "Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte mbH" (MH) vor dem Amtsgericht Amberg die Pleite offiziell. Schon seit vielen Jahren hatte der Betrieb mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Doch nun herrschte Gewissheit über die Ungewissheit. Nun standen die Jobs von 3500 Menschen in Sulzbach-Rosenberg, Auerbach und Maxhütte-Haidhof im Feuer.

Kaum einer der Beteiligten hat diese als dramatisch beschriebenen Stunden je vergessen. Im Werkscasino "Schlössl" hatte zu dieser Zeit der Gesamtbetriebsrat getagt. "Um 15.30 Uhr endete die Sitzung", erinnert sich der damalige Vorsitzende Franz Kick (80). "Alle wollten in den Osterurlaub." Etwa eine Viertelstunde später habe er per Telefon die Nachricht vom Konkurs erhalten. "Ich habe sofort alle Kollegen zurückgeholt. Kurz nach 16 Uhr waren wir fast wieder vollständig. Keiner ahnte von diesem Konkurs etwas", sagt Kick. Der monatliche Verlust des Konzerns von 50 bis 100 Millionen Mark "hat uns schon besorgt", räumt er ein. Der Schuldenberg war beträchtlich. Doch immer wieder war es gelungen, Geld zu beschaffen. Etwa durch den Verkauf von Werkswohnungen an Beschäftigte. Noch drei Monate vorher hatte der Freistaat Grundstücke im Wert von 52 Millionen Mark gekauft. Dennoch: Vom Konkurs waren alle überrascht.

Hauptsache weiter

"Uns war klar, dass jetzt eine harter Prozess beginnt. Das war bis dahin der größte Konkurs eines Großunternehmens in ganz Bayern." Familien, Zulieferbetriebe, der örtliche Handel - Kick schätzt die Zahl der direkt und indirekt Betroffenen auf 20 000 Menschen. Viele der "Maxhütterer" hatten erst Kredite aufgenommen, um sich eine der Werkswohnungen zu kaufen. "Vielen ist das Wasser bis zum Hals gestanden", sagt Hans Thurner (80), ebenfalls langjähriger Betriebsrat. "Die Leute waren aufgelöst. Es war zum Teil schlimm. Das war die Depression in Perfektion." Der damalige Arbeitsdirektor Manfred Leiß war ebenfalls im "Schlössl" zugegen. "Es war ein mulmiges Gefühl. Wie geht's weiter?" Weitergehen sollte es - irgendwie. Zuallererst wollte der Betriebsrat die Stahlproduktion aufrechterhalten. Hätten Lieferanten ihre von der MH noch nicht bezahlten Waren zurückgeholt, "dann wäre eine Fortführung des Werkes schon aus technischen Gründen nicht mehr möglich gewesen". Es wäre das sofortige Ende gewesen. Kick: "Wir haben die Werkstore überall mit Ketten verschlossen." Abends rollten bereits die ersten Lastwagen an. Auch Vertreter der Walhalla-Kalkwerke aus Regensburg standen am frühen Karfreitagmorgen vor den Toren. 3,3 Millionen Mark an Verbindlichkeiten standen damals aus, geht aus einem Bericht unserer Zeitung hervor. Nach den Osterfeiertagen werde weiter geliefert, "aber nur gegen Barzahlung". Um 22 Uhr meldet sich Ministerpräsident Franz Josef Strauß zu Wort. München unterstütze eine Auffanggesellschaft. "Ohne Hilfe der Staatsregierung wären wir nicht mal mit einem blauen Auge davongekommen", erinnert sich der damalige Stellvertretende Landrat Willi Morgenschweis (CSU), selbst MH-Beschäftigter. Franz Josef Strauß und der aus Weiden stammende Innenminister Gustl Lang machten sich für die MH stark. Trotz aller politischen Reibereien zwischen der "schwarzen" Staatsregierung und den "roten" Gewerkschaftern: Bei der Maxhütte war man gemeinsam bemüht, den "Super-Gau" abzufedern.

Die gemeinsame Strategie von Unternehmen, Arbeitnehmern und Politik war: einerseits möglichst viele Arbeitsplätze erhalten, andererseits neue Perspektiven eröffnen. Es wurden Sozialpläne für ältere Beschäftigte ausgehandelt. Die Stadt wies Industrie- und Gewerbegebiet aus, damit sich neue Betriebe ansiedeln konnten. Man wollte weg von der Monostruktur mit nur einem großen Arbeitgeber. Das Hüttenfeuer brannte vorerst weiter.

Hintergrund

Der Konkurs der Maxhütte drang schnell an die Öffentlichkeit: Gegen 17.30 Uhr verständigte ein anonymer Anrufer die "Sulzbach-Rosenberger Zeitung". Gleichzeitig bekam auch der Bayerische Rundfunk einen Tipp. Unsere Zeitung erschien am Freitag mit einem Extra-Blatt. Um 20.10 Uhr lief bei der Deutschen Presse-Agentur die Meldung "Maxhütte hat Konkurs angemeldet - Auffanggesellschaft geplant" über den Ticker. Um 21 Uhr meldete die Maxhütte selbst den Konkurs, verwies auf die Entwicklung am Stahlmarkt und den drastischen Erlösverfall.

Begonnen hatte der Kampf 1976, als der Großindustrielle Friedrich Karl Flick die MH für 270 Millionen Mark an den Duisburger Klöckner-Konzern verkauft. Was in den 1980er Jahren folgte, waren Personalabbau, Umstrukturierungen und umstrittene Geschäfte, etwa bei Stahlquoten, zwischen der MH und der Konzernmutter. Denn auch diese hatte Probleme. Auf dem europäischen Stahlmarkt gab es massive Überkapazitäten. Die damalige EG führte eine Quote ein. Viele Werke waren teils nur zu 50 Prozent ausgelastet, der Stahlpreis fiel in den Keller. Die Maxhütte war bereits damals ein relativ kleiner Hersteller, noch dazu weit weg von den Rohstoffvorkommen wie Kohle und Erz. Das musste mühsam mit Güterzügen antransportiert werden, während an Rhein und Ruhr die Schüttgut-Schiffe fast bis zu den Hochöfen fahren konnten. Die eigene Erzgrube in Auerbach konnte mit den Weltmarktpreisen nicht mithalten.

Die Folgen des Konkurses waren einschneidend: Laut Agentur für Arbeit Schwandorf gingen mehr als 6500 Jobs verloren. 1989 schloss die Grube in Auerbach als letztes Eisenerzbergwerk Westdeutschlands. 1990 machte auch das Gründungswerk in Maxhütte-Haidhof dicht. Konkursverwalter Jobst Wellensiek gelang es, die MH so fit zu machen, dass sie zum 1. Juli 1990 als "Neue Maxhütte" (NMH) starten konnte. Doch wichtige Investitionen blieben aus. 1998 ging auch die NMH in Konkurs. 2002 wurde das Werk endgültig stillgelegt. Bis heute existiert allerdings das Rohrwerk weiter. Sulzbach-Rosenberg hat sich nach 30 Jahren erholt. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 3 Prozent. Neu angesiedelte Betriebe haben Arbeitsplätze geschaffen. "Es ist gelungen, diese Krise zu bewältigen", bilanzierte Arbeitsagentur-Chef Joachim Ossmann im Herbst 2015. (räd)

Wir haben die Werkstore überall mit Ketten verschlossen.Franz Kick, früherer Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Maxhütte
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