21.06.2017 - 00:50 Uhr
TeublitzOberpfalz

Ein besonderes Interview mit dem Gehörlosen Andreas Peppe Absolute Stille – ein Leben lang

Im Alter von einem halben Jahr erkrankt Andreas Peppe an einer Hirnhautentzündung – mit schwerwiegender Folge: Der Teublitzer ist seitdem gehörlos. Ein besonderes Interview, das wir in schriftlicher Form geführt haben.

von Gesund & VitalProfil

Herr Peppe, wie beschreiben Sie einem Hörenden Ihre Welt?

Ein Hörender hat es im täglichen Leben viel leichter, beruflich wie privat. Ein Hörender kann sich je nach Qualifikation, jeden Beruf aussuchen. Bei Gehörlosen ist das nicht so. Er muss den Beruf ausüben, der zu seiner Behinderung passt. Ein Gehörloser kann zum Beispiel keine Bürotätigkeit ausführen, da er ja nicht telefonieren kann. Auch das gesellschaftliche Spektrum von Hörenden ist viel größer.

Ein ganz großer Nachteil für gehörlose Menschen ist, dass sich hörende Menschen leider nicht mit dem Problem der Gehörlosigkeit auseinandersetzen. Ja, dass sie dem Problem lieber aus dem Weg gehen, als beispielsweise die Gebärdensprache versuchen zu verstehen, obwohl die Gebärdensprache seit 2002 als „gesetzliche Sprache“ anerkannt ist. Hier liegt noch ein großes Defizit in unserer Gesellschaft. Wenn wir Gehörlose uns nicht in Vereinen zusammenschließen würden, wäre für jeden Einzelnen eine Vereinsamung vorprogrammiert. Deshalb mein Appell an alle Gehörlosen: Schließt euch einem Gehörlosenverein an. Dann seid ihr nicht alleine.

Haben Sie das Gefühl, Sie befinden sich in einer absoluten Stille, oder gibt es für Sie eine andere Art von Tönen, Geräuschen, Klängen, Melodien?

Ein Gehörloser lebt ständig in absoluter Stille. Er ist von der Umwelt total isoliert. Der Selbstfindungsprozess eines Gehörlosen geht weit über die Phasen der Pubertät eines normal hörenden Kindes hinaus. Wer in die Welt eines Gehörlosen hineinschnuppern möchte, dem empfehle ich, sich den Film „Jenseits der Stille“ von Caroline Link anzuschauen. Oder sich in einem Lokal oder vor dem Fernseher die Ohren zuzuhalten. Wer sich über einen längeren Zeitraum die Ohren zuhält, wird erkennen, wie schnell man von der Außenwelt abgeschnitten ist, wie isoliert man sich fühlt – obwohl man alles sehen kann. Können Sie Musik wahrnehmen – und wenn ja, wie?

Klänge, Melodien oder Töne kann ein zu 100 Prozent ertaubter Mensch nicht hören. Befindet er sich jedoch in einem geschlossenen Raum und wird sehr, sehr laute Musik gespielt, bemerkt er durch die erzeugten Schwingungen, dass sich etwas im Raum befindet. Die gleichen Schwingungen nimmt er bei einer Explosion wahr.

Was sind die täglichen Herausforderungen?

Zunächst die mangelnde Kommunikation mit hörenden Menschen. Die hörenden Menschen geben sich keine Mühe, auf uns Gehörlose zuzugehen oder uns zu verstehen. Lieber gehen sie diesen Unannehmlichkeiten – so empfinden sie es wohl – aus dem Weg. Die Inklusion behinderter Menschen ist bei der Allgemeinheit noch nicht vollkommen angekommen, obwohl Inklusion ein Menschenrecht ist.

Dies lässt sich an vielen Beispielen festmachen: Bei Arztbesuchen bekommt man nur sehr schwerlich einen Dolmetscher, da es grundsätzlich viel zu wenige gibt. Es müsste mehr Dolmetscher geben, die entsprechend bezahlt werden. Alleine dieser Schritt würde uns Gehörlosen viel Erleichterung bringen.

Im Fernsehen – gerade bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten – werden zu wenige Sendungen mit Untertiteln ausgestrahlt. In anderen Ländern ist immer ein Dolmetscher zugegen, der zum Beispiel die Reden in Gebärdensprache übersetzt.

Ein weiterer Nachteil können Aufzüge sein, wenn ein Aufzug stecken bleibt und man keine Internetverbindung hat, was dann? Dieselben Schwierigkeiten ergeben sich bei einem Notfall, wenn Krankenwagen, Feuerweher oder Polizei gebraucht werden. Man könnte noch vieles mehr aufzählen, aber das würde diesen Rahmen sprengen.

Wie verständigen Sie sich im Alltag mit Hörenden?

Langsames und vor allem deutliches Sprechen hat zunächst oberste Priorität. Wir Gehörlosen beobachten die Mimik unserer Gesprächspartner. Im Zweifelsfall schreiben wir unser Anliegen oder unsere Frage auf ein Blatt Papier.

Und wie reagieren Hörende auf Sie?

In den meisten Fällen distanzieren sich die Leute von uns Gehörlosen. Leider. Viele hörende Menschen genieren sich mit einem gehörlosen Menschen zu unterhalten, weil dieser bei seiner Antwort nur laute, teilweise hohe und unverständliche Worte von sich gibt. Für viele Hörende ist das peinlich. Der hörende Mensch vergisst leider, dass der gehörlose Mensch seine Stimme nicht kontrollieren kann.

Es gibt aber auch viele junge Leute, die die Gebärdensprache erlernen möchten. Hier sollte seitens des Staates ein Ansatz und Anreiz gefunden werden, um die Gebärdensprache schon in den Schulen zu erlernen.

Was sind die häufigsten Missverständnisse zwischen Gehörlosen und Hörenden?

Es liegt in der Natur der Sprache. Hauptsächlich in der Kommunikation. Ein Beispiel: Der Gehörlose liest viel vom Mund ab. Meint sein Gesprächspartner „Mutter“ oder „Butter“? Hier gibt es leider viele gleichlautende Beispiele.

„Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen“, schreibt die taubblinde Schriftstellerin Helen Keller – fühlen Sie sich isoliert?

Dass sich Gehörlose im Großen und Ganzen isoliert fühlen, habe ich schon erwähnt. Die Frage, was schlimmer ist, Taubheit oder Blindheit – ein solcher Vergleich ist etwas anrüchig, weil beide Krankheiten in ihrer Art schwer zu ertragen sind. Meiner Meinung nach sind Menschen, die zu 100 Prozent taub sind, vom menschlichen Umfeld, von der hörenden Gesellschaft total isoliert und leben zusammen mit Gleichgesinnten in einer eigenen Welt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Ich hätte mehrere Wünsche, etwa die wirkliche Inklusion von behinderten Menschen. Auch würde ich mir wünschen, dass auf dem Gebiet der Gehörlosigkeit mehr geforscht wird. Bei öffentlichen Behörden wie Stadtverwaltung, Finanzamt oder Landratsamt müsste eine leichtere Kommunikation möglich sein. Wünschenswert wäre auch die deutsche Gebärdensprache als Schulfach.

Absolute und praktische Taubheit

Man unterscheidet zwischen einer absoluten Taubheit und einer praktischen Taubheit. Bei einer praktischen Taubheit können noch einzelne Töne oder Geräusche (Hörreste) wahrgenommen werden. Bei einer absoluten Taubheit nimmt man nichts mehr wahr. Man unterscheidet ferner zwischen einer „angeborenen Taubheit“ oder eine später „erworbenen Taubheit“. Unabhängig davon, wann die Taubheit eintritt, werden diese in prälinguale Taubheit und postlinguale Taubheit eingeteilt.


Bei der prälingualen Taubheit werden Betroffenen taub, bevor sie eine Sprache entwickeln konnten. Bei der postlingualen Taubheit werden Betroffenen erst nach erfolgter Sprachentwicklung gehörlos. Diese Unterteilung ist wichtig hinsichtlich der Folgen, die eine Taubheit haben kann: Geht das Hörvermögen vor dem siebten Lebensjahr verloren, ist dies meist mit dem vollständigen Verlust des bis dahin erworbenen Sprachwortschatzes verbunden. Beginnt die Taubheit hingegen nach dem siebten Lebensjahr, bleibt der Wortschatz erhalten.

Andreas Peppe hat sich seinen Wortschatz durch die Gehörlosensprache erarbeitet.

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