27.09.2018 - 16:21 Uhr
OTon

Alte Bekannte

Ich mag Französisch nicht besonders. Das liegt an der Schulzeit. Nach anfänglicher Euphorie hagelte es schlechte Noten. Frankreich verbinde ich mit Quälerei und der Angst vor dem Scheitern. Bis ein Urlaub in der Provence alles ändert.

Der erste Besuch in Südfrankreich nach vielen Jahren kommt mir vor, als würde ich mit einem alten Bekannten ein Glas Dessertwein trinken.
von Dominik Konrad Kontakt Profil

„Klar kann ich ein Bild machen, ich mache öfter Bilder, aber ich bin Deutscher.“ Ich stehe in einer schmalen Gasse eines südfranzösischen Bergdorfs und versuche, einer französischen Reisegruppe aus dem Weg zu gehen. Die stellt sich für ein Foto auf. Eine Frau zückt ihr Smartphone. „Donne le mobile au garçon“, sagt ein Mann und ich verstehe, was die Leute von mir wollen.

Ich nehme also das Handy der Dame, sie geht zurück zur Reisegruppe, und ich wedele mit den Armen. Die sollen doch mal dichter zusammengehen, so kann ich doch kein Bild machen. Ich drücke ein paar mal auf den Auslöser. „Sourir“, sage ich, „Lächeln“, in der falschen Verbform.

„Ich kann Fotos machen, aber ich bin Deutscher.“ Es klingt wie eine Entschuldigung. Es dürfte etwa 18 Jahre her sein, dass ich begonnen habe, Französisch zu lernen. Ich habe damit wenig anfangen können. Es wurde zu einer fünfjährigen Tortur, und danach war ich froh, mit Sprache, Land und Leuten nichts mehr zu tun zu haben. Und doch, während ich immer tiefer in dieses Land hineinfahre, erinnere ich mich. Ich kann „bitte“ und „danke“ und „Entschuldigung“ sagen. Ich kann die Zapfsäule benennen, an der ich getankt habe, und ich kann Schilder lesen und verstehe, was Automaten mir sagen wollen.

Mit jedem Kilometer Richtung französische Mittelmeerküste gewinne ich dieses Land und diese Menschen mehr lieb. Die Kassiererin, die zur Zapfsäule Nummer sechs „Le Six“ mit einem langezogenen „S“ sagt, und es klingt, als würde sie singen. Die Hauben für das Essen auf der Autobahnraststätte, damit es nicht so schnell kalt wird. Das Wetter, das in Südfrankreich auch im September noch sommerlich warm ist. Die Franzosen sind Genießer. Immer ein bisschen lockerer, aufgeschlossener, kultureller, besser angezogen. „Ich mache zwar Fotos, aber ich bin Deutscher.“ Ich bewundere die Kunst, so zu leben und habe das Gefühl, diesen Menschen vor 18 Jahren nicht gerecht geworden zu sein und ihnen nicht gerecht zu werden. Und plötzlich tut es mir sehr Leid, Frankreich nicht schon früher besucht zu haben.

Nachdem ich das Smartphone an die Dame zurückgegeben habe, löst sich die Szene auf und ein älterer Mann klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter. „Es macht nichts, dass du Deutscher bist und uns erst nach so langer Zeit besuchst. Du bist unser Freund. Und du bist hier immer herzlich willkommen“, verstehe ich.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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