10.05.2010 - 00:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Gehaltvolles Theater "Zusammen ist man weniger allein" im Kettelerhaus Gemeinsam und trotzdem einsam

Ein Dreiecksverhältnis der etwas anderen Art: Lutz Bembenneck, Ottokar Lehrner und Silvia Seidel (von links) brachten in "Zusammen ist man weniger allein" die Spannungen und komplexen Gefühle in der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft mit viel Intensität auf die Bühne. Bild: Tobias Schwarzmeier
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Vereinsamung, Entwurzelung, Resignation und Ziellosigkeit - viele haben mit den neuen Problemen der heutigen Zeit zu kämpfen. So auch der Koch und Lebemann Franck, der verarmte Adelige Philibert und die Malerin/Putzfrau Camille, die eher unfreiwillig zu Wohngenossen in einer Pariser Altbauwohnung werden.

Doch nach und nach arrangieren sie sich in der Liebeskomödie "Zusammen ist man weniger allein", die in einer Produktion des Tourneetheaters a.gon am Samstag im Kettelerhaus über 400 Zuschauern einen unterhaltsamen Abend bereitete.

Ausbruch aus der Monotonie

Alle drei seelisch Verwundeten wissen, dass diese leidlich funktionierende Patchwork-Zweckgemeinschaft nur ein Arrangement auf Zeit ist, da die Räumung der Wohnung bevorsteht. Richtungsweisende Entscheidungen wären gefragt, werden aber verdrängt. Doch über allen ist ein bleierner Stillstand spürbar. Der intellektuelle, stotternde Philibert lebt in einer kontaktarmen Traumwelt. Der egoistische Franck kann keine Verantwortung übernehmen und klammert sich unbewusst an seine Großmutter ("Oma, solange du da bist, geht alles weiter"). Die von einer gereiften Silvia Seidel sehr glaubhaft verkörperte Camille kämpft mit Magersucht.

Als sich Franck und Camille verlieben droht das fragile Konstrukt um Konflikte, belastete Beziehungen und Ängste langsam zusammenzubrechen. Eine Aufbruchsstimmung entsteht erst, als Francks pflegebedürftige, heimwehkranke Großmutter Paulette (hinreißend unkonventionell: Ursula Dirichs) mit in die Wohnung zieht. Untermalt wird die teuflische Tretmühle, in die die Protagonisten geraten sind, vom erst später variierenden und zunehmend nagenden Chanson zwischen den Szenen.

Vergleiche der soliden Inszenierung mit dem Roman oder dem Film mit der wunderbaren Audrey Tautou verbieten sich durch die Natur der Genre eigentlich. Dennoch hätte der 140 Minuten lange dialoglastige Plot, dem zuweilen das französische Flair fehlte, straffer sein können. Regisseur Stefan Zimmermann setzt beim Spannungsaufbau und der Wandlung seiner Figuren gänzlich auf die Präsenz seiner starken Darsteller.

Innere und äußere Wunden

Lacher sind garantiert, wenn Ottokar Lehrner als Franck in überaus fotogenen Posen mit den Frauen hadert oder der brillante Lutz Bembenneck die skurrilen Macken des Sonderlings Philibert auslebt. Doch schnell wird klar, dass das Stück nicht nur eine Komödie ist, denn die Auslotung der Charaktere und ihrer Probleme geht erfreulich weit in die Tiefe. Bewegend ist die Szene, in der sich die beiden Frauen gegenseitig waschen, und ihre Körper - der alternde Paulettes und der kachektisch-dürre Camilles - bildhaft ihre ganze Verwundbarkeit zeigen.

Am Ende hat jeder mit viel Mut den schweren ersten Schritt geschafft und ist aus sich heraus- und auf andere zugegangen. Selbst als die von kühlem blauen Licht untermalte "Liebesszene" Francks mit Camille an ihrer Angst vor Intimität scheitert, meint Franck: "Wir schaffen das." Es wäre ihnen zu wünschen.

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