Jedermann: Proben haben begonnen
Genuss ist nicht die Lösung

Stefan Tilch inszeniert "Jedermann".
Kultur
Tirschenreuth
07.09.2017
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Am heutigen Freitag beginnen die Proben für den zweiten "Oberpfälzer Jedermann". Am Samstag, 21. Oktober ist Premiere. Das Stück aus der Feder von Johannes Reitmeier inszeniert diesmal Stefan Tilch, Intendant des Landestheaters Niederbayern. Im Interview verrät der Landshuter schon mal einiges zu seiner Arbeit.

Herr Tilch, wie kam es dazu, dass Sie heuer den "Jedermann" in Tirschenreuth inszenieren und nicht Johannes Reitmeier?

Stefan Tilch: Meines Wissen gab es bei ihm Terminschwierigkeiten, während ich es möglich machen konnte, durch eigene Terminverschiebungen diesen Probenzyklus einzubauen. Und seit der kurzfristigen Passions-Übernahme vor zwei Jahren hat Tirschenreuth ein gewisses Vertrauen auch zu mir gefasst.

Nachdem Sie die letzte Passion bereits mit Ihrer Handschrift aufgepeppt haben und jetzt den "Jedermann" übernehmen, kann man wohl davon ausgehen, dass Sie Johannes Reitmeier komplett in Tirschenreuth beerben ...

Tilch scherzhaft: Ich wusste gar nicht, dass es in Tirschenreuth die Position eines Stadt-Regisseurs zu vergeben gibt - sagt mir die Details, dann schicke ich gerne meine Unterlagen.

Planen Sie, selbst ein Stück für Tirschenreuth zu schreiben?

Tilch: Meine Italo-Pop-Revue "Azzurro" mit "I Dolci Signori" läuft meines Wissens im nächsten Herbst hier.

Zurück zum "Jedermann". Was darf der Zuschauer diesmal erwarten, was ändert sich?

Das wird ganz ähnlich wie bei der Passion sein, denke ich. Äußerlich wird sich nicht viel ändern, aber Johannes ist Johannes und ich bin ich, und so wie keine zwei Schreiner den Hobel gleich ansetzen, werden das auch zwei Regisseure nicht tun. Das ist jetzt lustigerweise schon das dritte Mal, dass ich eine Inszenierung von ihm übernehme, und ich habe also Erfahrung: Es macht irrwitzig Spaß, mir zunächst seine Originalszene vorspielen zu lassen, sie kollegial gebührlich zu bewundern und dann Stück für Stück in eine eigene Szene mit schönen Grüßen an Johannes zu verwandeln.

Gerade habe ich zum zweiten Mal das Festspiel der "Landshuter Hochzeit" gemacht - ursprünglich war das seine Inszenierung, und jetzt, vier Jahre nach meiner ersten Umwandlung, waren die Darsteller erst mal gehörig verwirrt zwischen seiner Fassung und meiner. Da stehen die dann, und schwören völlig überzeugt, wir hätten etwas auf eine bestimmte Weise auch vor vier Jahren so gemacht - aber ich kann tatsächlich sofort sehen, welcher Ausruf, welche Geste, welche Betonung, welche Pointe von ihm und garantiert nicht von mir stammt.

Gibt es neue Schauspieler bei den tragenden Rollen?

Tilch: Da tut sich einiges. Manche waren schon dabei und wechseln nur die Rolle, die Buhlschaft etwa, der Glaube, die Werke, andere sind ganz neu, wie etwa der Mammon. Diese Wechsel beleben ein Stück von sich aus schon immer ungemein, weil sich automatisch der Gesamtton ändert und ganz von selbst wieder frisch und anders wird.

Gibt es veränderte oder komplett neue Szenen?

Tilch: Der Rahmen wird sich vermutlich ein wenig ändern. Mir persönlich ist der Gedanke an einen verärgerten Gott, der ein wenig beleidigt, zornig und verschmollt eigentlich erst mal nur Rache nehmen will, ein bisschen zu kindlich und im Kern am Thema vorbeizielend. Thema ist doch, dass ein Jedermann ungefähr in seiner Lebensmitte, wie in Dantes "Inferno: Nel mezzo del camin ...", sich überraschend mit letzten Dingen konfrontiert sieht und gezwungen wird, innezuhalten und sich selbst Rechenschaft über seine Lebensführung zu geben. Da sieht er eine Menge Sachen, die er nie sehen wollte und die es nun aufzuräumen gilt. Sein Tod aber kann auch einfach Chiffre für eine Art spirituelles Erwachen noch zu Lebzeiten sein.

Für den ersten "Jedermann" wurde eigens eine Treppe als Bühne vor der Bühne gebaut. Ist die wieder dabei?

Tilch, wieder scherzend: Da steht eine Treppe? Wie schön, ohne die ist der Kettelersaal doch nur halb so attraktiv.

Wer vertritt sie vor Ort?

Tilch: Meine rechte Tirschenreuther Hand ist wie immer Gaby Saller.

Obwohl nicht neu, ist "Jedermann" ein immer aktuelles Stück, weil es die ureigensten Abgründe des Menschen aufzeigt. Welche dieser Eigenschaften, sind Ihrer Meinung nach derzeit besonders aktuell, und werden Sie die deshalb im Stück hervorheben?

Tilch: Das menschliche Ur-Problem, sich auf alle mögliche Weisen in Beschäftigung und Genuss von sich selbst dauernd abzulenken, um keine Schmerzen zu verspüren, um sich nicht mit unangenehmen Themen auseinandersetzen zu müssen und um nicht die Sachen in sich selbst zu sehen, die eigentlich "gar nicht da sein sollten", ist so alt wie der Mensch selbst. Durch diese Flucht in alles Mögliche schneidet er sich allerdings auch von Selbstannahme und Bewusstsein ab.

Bis hier ist "Jedermann" völlig zeitlos. Das Thema wird nur insofern täglich aktueller, als dass von dieser Frage immer dringlicher der Fortbestand der gesamten Gattung abhängt - wenn wir Menschen so weitermachen, gibt es uns nicht mehr lange. Die konkreten Abgründe im Stück werden vor allem an zwei Begriffspaaren festgemacht, da geht es Sex gegen Ehe und Geiz gegen Freigebigkeit. Und da muss man jetzt wieder furchtbar vorsichtig sein, nicht sehr vordergründige und wiederum am Thema vorbeizielende Aussagen zu treffen. Die führen ja nur dazu, dass der Zuschauer sich bestätigt sieht, weil seine persönliche Bilanz vermutlich besser aussieht als die von Jedermann: "Nein, sooo schlimm wie der bin ich nicht, ich bin verheiratet, betrüge meine Frau nur ganz selten und sooo geizig bin ich auch nicht!"

Ich möchte gerne erzählen, dass Jedermann selbst bemerkt, dass seine vielen auf leiblichen Genüssen beruhenden Beziehungen ihn auf Dauer nicht befriedigen. Und was das Geld angeht, redet er ja auch nicht anders als der internationale Währungsfonds oder jede Bank - wirtschaftlich vermutlich ganz vernünftig - und hier müssen wir mit ihm verstehen, dass das eben die Welt nicht rettet. Anders als wir hat Jedermann den Vorteil, dass ihm Hunger und Elend direkt ins Gesicht blicken, während wir beides hinter dicken Mauern ausgesperrt haben und nur in der Tagesschau sehen müssen.

Termine und KartenVorstellungstermine:

Samstag, 21.10.,19.30 Uhr (Premiere), Sonntag 22.10., 16 Uhr, Freitag, 27.10., 19,30 Uhr, Samstag 28.10., 19,30 Uhr, Sonntag, 29.10., 16 Uhr, Freitag, 3.11., 19.30 Uhr, Samstag, 4.11., 19.30 Uhr und Sonntag, 5.11., 16 Uhr.

Preise:

1. Block 19, 2. Block 16 und 3. Block 13 Euro. Die Abendkasse ist jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

Vorverkauf:

Tourist-Information Tirschenreuth und an weitern bekannten Vorverkaufsstellen wie zum Beispiel Regionalbibliothek Weiden, Tourist-Informationen Waldsassen und Mitterteich. (tr)


Termine und KartenVorstellungstermine:

Samstag, 21. Oktober, 19.30 Uhr (Premiere), Sonntag 22. Oktober, 16 Uhr, Freitag, 27. Oktober, 19,30 Uhr, Samstag 28. Oktober, 19,30 Uhr, Sonntag, 29. Oktober, 16 Uhr, Freitag, 3. November, 19.30 Uhr, Samstag, 4. November, 19.30 Uhr und Sonntag, 5. November, 16 Uhr.

Preise:

1. Block 19, 2. Block 16 und 3. Block 13 Euro. Die Saalkasse ist jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

Vorverkauf:

Tourist-Information Tirschenreuth und an weiteren bekannten Vorverkaufsstellen, wie Regionalbibliothek Weiden sowie Tourist-Informationen Waldsassen und Mitterteich. (tr)
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