13.11.2009 - 00:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Stehende Ovationen bei der Premiere von "Wolle - oder: die Liebe zum Badenweiler" im ... Ein geduldiger Tor im zeitgerafften Deutschland

Dieser Marx hat es in sich: Ricky (Christl Gleißner), Adi (Stefan Malzer, Mitte) und Wolle (Christian Seitz) freuen sich über den Kaviar, den der Parteifunktionär im ausgehöhlten "Kapital" geschmuggelt hat. Bild: Grüner
von Redaktion OnetzProfil

Im Zeitraffer werden Veränderungen sichtbar, die normalerweise aufgrund ihrer Langsamkeit der menschlichen Aufmerksamkeit entgehen - etliches bleibt aber notgedrungen auch schemenhaft und unscharf. Des Zeitraffers mit seinen Vor- und Nachteilen bedient sich auch das Theaterstück "Wolle - oder: die Liebe zum Badenweiler" aus der Feder des Berliner Professors Jürgen Hofmann, basierend auf dem 1960 verfilmten Buch "Wir Kellerkinder" des Kabarettisten Wolfgang Neuss. Am Donnerstagabend spielte das Ensemble des Modernen Theaters Tirschenreuth das Stück als Uraufführung im Luitpoldtheater.

Inszeniert von Matthias Winter, Intendant der Burgfestspiele Leuchtenberg, und dramaturgisch bearbeitet von Daniel Grünauer, rafft "Wolle" gut 60 Jahre deutscher Zeit(geschichte) auf weniger als zwei Stunden Spielzeit zusammen. Dabei gerät das Stück zum überaus unterhaltsamen Panoptikum deutscher Typen und Charaktere.

Musik muss dabei sein

Der junge Wolfgang Pfeiffer, Wolle genannt, wächst im Dritten Reich auf und lebt mit seiner energischen Mutter und seinem versoffenen Vater in der Kellerwohnung eines Mietshauses - oder, wie es die Mutter immer wieder betont, im "Suterrängg". "Musik ist meine Leidenschaft", sagt der passionierte Trommler. Und tatsächlich nimmt er das grausame Regime, das ihn umgibt, nur als Randerscheinung wahr und legt sich sogar fröhlich mit dem unheimlichen Parteifunktionär Nitschke an, der sich nebenbei Wolles Schwester Almut als Liebchen hält. Wolle reduziert das Dritte Reich auf seine Musik, besonders der Badenweiler hat es ihm angetan, Hitlers Lieblingsmarsch. Sein Freund, der Sozialist Adi Neumann, versteckt sich im Keller vor den Schergen der Gestapo. Dann bringt Freundin Erika - oder Ricky, wie sie jetzt genannt werden will - Jazz und Swing aus den USA mit, gepresst auf Vinyl. Wolle ist verzaubert von den neuen Klängen.

Der Zeitraffer hetzt weiter, der Krieg ist vorbei, Deutschland besiegt, der Russe kommt, und plötzlich leben Wolle und seine Familie in der DDR. Regime und Fähnchen haben gewechselt. "Von allen Dingen haben wir jetzt zwei", heißt es über das doppelte Deutschland, "nur für eine zweite Sorte Mensch reicht es nicht." Jetzt sind es Lieder der Rolling Stones oder von Janis Joplin, denen Wolles Herz gehört, aber "die Partei", der natürlich auch seine sehr wandlungsfähige Schwester angehört, mag solche Klänge gar nicht. Dann schallt "Wir sind das Volk!" im Chor aus dem Dunkel, die Mauer ist weg, der Kapitalismus da, aus Wolles Keller ist ein Café geworden. Und auch ein unangenehmer Zeitgenosse aus brauner Vergangenheit kehrt zurück, um alte Eigentumsrechte einzufordern ...

Thematisch besitzt Hofmanns Stück alle Voraussetzungen, um ein dröges, oberlehrerhaftes Referat über die jüngere Geschichte unseres Landes zu sein. Zwei Dinge verhindern das. Erstens: der kabarettistische Schalk Wolfgang Neuss', den man immer wieder zu hören glaubt, und der für etliche wunderbare Lacher sorgt - wenn man die typische Lachhemmung angesichts einer Hakenkreuzfahne überwunden hat.

Zweitens: das umwerfende Ensemble des Modernen Theaters, das unter der ideenreichen Regie Winters das Stück auf der effektiv eingerichteten und ausgeleuchteten Kleinbühne mit echtem Leben füllt. Winter verzichtet gottseidank darauf, die Figuren altern zu lassen und zeigt sie dem Zuschauer dadurch als deutlich gezeichnete Blaupausen: Mitläufer, Sympathisanten, Duckmäuser, Profiteure oder Revoluzzer. Christian Seitz spielt den Tor Wolle mit einer gelungenen Mischung aus Unschuld und Naivität. Gaby Saller und Franz Hackl als Wolles Eltern und Gabi Kraus als grobschlächtig-komische Schwester Almut ergänzen die kaputte Familie kongenial. Ilona Richter verleiht ihrer Frau Bruhn, Wolles heimlicher Verehrerin, damenhaften Charme.

Kurzweiliges Kaleidoskop

Christl Gleißner brilliert als durchgeknallte Ricky mit ihrem deutsch-englischen Kauderwelsch. Stefan Malzer gibt den vom Untergrundkommunisten zum Parteifunktionär und schließlich zum Nach-Wende-Guru gewandelten Adi Neumann kumpelhaft und handfest als Gegenpart zum ideologiefreien Wolle. Abgerundet wird die bemerkenswerte Ensemble-Leistung durch Herbert Kreuzer, der seinem Nazi-Funktionär Nitschke mit kaltem Blick und linkischer Körpersprache Kinoqualität verleiht, sowie Luitgard Bauer in der Rolle der Erzählerin Ruth: Sie kommentiert das Geschehen mit Stil und altersweiser Gelassenheit.

"Wolle" ist ein kurzweiliges Kaleidoskop deutscher Geschichte(n), das in gleichem Maße Anstöße zum Nachdenken wie zum Schmunzeln und Lachen liefert. Wer eine tiefschürfende Lehrstunde erwartet, wird enttäuscht, wer gut konzipiertes und leidenschaftlich gespieltes Theater sehen will, wird reich belohnt.

Weitere Aufführungen am 14., 15., 20., 21. und 22. November um 20 Uhr.Karten beim NT/AZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230 sowie unter www.okticket.de.

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